Revolution und Jugendsehnsucht

20. Jänner 2002, 23:06
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Nestroy-Premiere am Schauspielhaus Graz

von STANDARD-Mitarbeiterin Beate Frakele

Graz - Zwischen Postkartenidylle und Designerkühle hat Andreas Vitasek Nestroys "Volksstück mit Gesang" ohne Gesang inszeniert. Der alte Mann mit der jungen Frau ist keine Komödie. In dem 1849 geschriebenen Vierakter hallen eine vergebliche Revolution und viel Jugendsehnsucht nach. Szenen nicht nur einer Ehe fügen sich zu einem Bilderbogen österreichisch-gemütvoller Grausamkeiten, denen der Regisseur einen intelligenten Spritzer Zynismus beimengt.

Mit seiner siebenten Regiearbeit, einem zeitgemäßen, entschlackten Nestroy, geht Vitasek auf Nummer Sicher. Es gibt witzig-gefällige Zwischenaktmusik mit Wiedererkennungswert und durchaus auch sanfte Interpretationshilfen in Form von roten Hosenträgern oder einem Schäferhund aus Porzellan. Der aktuelle politische Bezug ergibt sich hier aus Nestroys genialem Vergleich von Staats- und Ehemisere zwangsläufig und durchaus fein.

Das böse Ende

Nah am behutsam gekürzten und gewürzten Originaltext erweitert der kabaretterprobte Regisseur das bittere Stück um den Prolog Die Neu Regierten von Antonio Fian und einen stummen Epilog, der dem Stück dann aber ein böses neues Ende gibt. Gerhard Balluch bringt für den reichen Philanthropen Kern zweifellos die richtige Mischung aus Sentimentalität, Misstrauen und Tatkraft mit. Der auf sein Alter fixierte Unternehmer hat sich eine um ganze vierzig Jahre jüngere Frau genommen, ein Spielzeug, das er unentwegt mit Entzücken und auch Angst zu beobachten pflegt. In der Rolle dieser Regine ist - das muss man sagen - Martina Stilp die einzige eklatante Fehlbesetzung des Abends.

Jung, impertinent

Neben der bekannten alten Souveränität des Grazer Nestroy-Ensembles zeigen sich auch die Jüngsten des Hauses zweifellos ohne Fehl und Tadel: Susanne Lichtenberger und Dominik Warta als idealistisch verhärmtes Proletarierpaar und - voll jugendlicher Impertinenz - Martin Bretschneider als Playboy Rehfeld.

Mit gewohnter Sicherheit spannt Ausstatterin Susanne Maier-Staufen den Bogen vom Dirndlkleid zur Designerklamotte, deutet mit sparsam verwendeten Paneelen Räume an: eine Wirtsstube, eine Alm, einen nächtlichen Park. Der elegante Kamin im Hause des Unternehmers ist nicht nur eine Projektionsfläche für loderndes Feuer und die Polit-Karikaturen Gerhard Haderers, sondern auch - zur Nachahmung empfohlen! - für einen Abspann mit den Namen der SchauspielerInnen während des herzlichen Beifalls.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.01. 2002)

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