Barock-lyrische Mordfantasien

24. Jänner 2002, 21:17
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Das Resonanzen-Festival im Konzerthaus

von Ljubisa Tosic

Wien - Details der Vita von Alessandro Stradella liegen ziemlich im Dunkeln, wenngleich es über den Tonsetzer des Barock sogar eine romantische Oper von Friedrich von Flotow gibt. Sicher ist, dass er das Motto des heurigen zehnten Resonanzen-Festivals mit Interesse verfolgt hätte. Denn gesichert ist immerhin auch, dass Stradella (1639-1682) abseits des Komponierens (auch geistlicher Werke) und Schuldenmachens innigen Kontakt zur Damenwelt pflog.

Von manchem verärgerten Herrn wurde er deshalb übrigens in seiner physischen Existenz bedroht. Einen ersten Mordanschlag überlebte er, da ihn die irrenden Attentäter nach dem Anschlag für tot hielten (die Legende will, dass sie Stradella - von dessen edler Musik überwältigt - die Gelegenheit zur Flucht boten). Ein zweiter Anschlag in Genua (1682) jedoch wurde dann so gründlich durchgeführt, dass sich Stradella mit 43 von Welt und Tonsetzerei zu verabschieden hatte.

Sein Oratorium San Giovannni Battista - es gehörte zu seinen beliebtesten Hervorbringungen - ist gottlob vollständig erhalten. Es handelt von Salomes Wunsch, Johannes den Täufer tot zu sehen. Stradellas hier ins Opernhafte gleitende Meisterschaft schwingt sich besonders im Duett Salome/Herodes zu inspirierten Höhen auf, pendelt grazil zwischen Lyrik und Koloratur-Exaltiertheit und setzt im Orchestralen auch auf die Concerto-grosso-artige Aufteilung in zwei Dialogabteilungen.

La Stagione Frankfurt ist dem Werk ein graziles Ensemble mit schlankem, vibratolosem Klang. Dirigent Michael Schneider organisiert die Lautstärke im Sinne einer terrassendynamischen Ästhetik und setzt auf delikate Phrasierung. Allein, wie jedes Jahr bei den Resonanzen, so hat man auch hier das Gefühl, der Große Saal des Konzerthauses würde Feinheiten und Dynamik der Wiedergabe etwas verschlucken, ihre Präsenz rauben und sie gar zu asketisch erscheinen lassen.

Die edlen Linien

Dennoch hatten die (hinter dem Ensemble postierten) Vokalisten mitunter Mühe, akustisch durchzukommen: Gérard Lesne (als San Giovanni) glänzte durch edle Linienführung, outrierte ein wenig in den dramatischen Momenten und kam in den Tiefen leider nicht wirklich zur Geltung. Michael Schopper (als Herodes) wirkte solide und profund. Zunächst etwas unausgewogen die Stimme Ann Monoyios (als Salome). Mit der Zeit steigerte sie sich aber zu bemerkenswert lyrischer Emphase. Laurie Reviol (als Herodiade) und Andreas Karasiak (als Consigliere): gediegen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.01. 2002)

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