"Jedermanns Fest": In die Enge getrieben. Die Weite suchen.

30. Juli 2004, 15:18
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Fritz Lehners "Jedermanns Fest" mit Klaus Maria Brandauer - eine der interessantesten heimischen Produktionen

Klaus Maria Brandauer steht in Fritz Lehners "Jedermanns Fest" das Wasser bis zum Hals, während er als Modeschöpfer möglicherweise seinen letzten Lebensfilm träumt: ein drastisches Bild in einer der interessantesten heimischen Kinoproduktionen der letzten Jahre.


Wien - Es herrscht ein merkwürdiges Missverhältnis in diesem Film: In breitesten Stadt- und Landschaftspanoramen stößt man auf bedrängende Kleinlichkeit und Beengtheit. Weit ausholende Gesten (physisch und erzählerisch) lehnen sich gegen die Gefahr auf, im österreichischen Provinzialismus lebendig begraben zu werden. Gleichzeitig eröffnen sich in embryonaler Kauerhaltung oder in totenähnlicher Erstarrung die größten Erinnerungs-und Vorstellungsräume.

Um zwei große Bilder und Momente kommt man bei der Betrachtung von Jedermanns Fest nicht herum - egal, wie auch immer man zu Fritz Lehners Film stehen mag: Klaus Maria Brandauer liegt mit starrem Blick, als versuche er etwas in höchster Ferne zu fokussieren, in einem zerstörten Ferrari in einem Teich bei Schwechat. Auf einem kleinen TV-Empfänger neben dem Rückspiegel zieht ein Eisbär durch polare Weiten.

Oder: Brandauer sitzt im Kiosk seiner Kindheit, den er sich als Modeschöpfer Jan Jedermann in einem Landschloss nachgebaut hat. Über alte Hochglanzmagazine gebeugt, träumt er von James Dean, der durch einen Autounfall endgültig zum Mythos wurde. Er denkt an seine Mutter, die einmal gesagt haben soll: "Mein Bub schafft alles" - wogegen übrigens Jedermanns Vater (Otto Tausig) in greiser Hinfälligkeit polemisiert: "Paris ist nichts für ihn. Zu groß."

Man kommt leider nicht umhin, diesen Vorwurf des "Zu groß!" direkt auf die Produktions- und bisherige Rezeptionsgeschichte von Jedermanns Fest zu übertragen. Seit die 1996 begonnenen Dreharbeiten in einen schier endlosen Konflikt zwischen Lehner, dem Produzenten Veit Heiduschka und den heimischen Förderungsstellen eskalierten, in welcher Form der Film fertig zu stellen sei, wurde ja mit beispiellos autoritärer Attitüde auf das ganze Pro- jekt eingedroschen - weitgehend aus einem systemerhaltenden Interesse heraus, das meinte: Schluss mit Visionen. Ein "teuerster Film der Nachkriegszeit" habe kein Recht, über das ökonomische Maß hinaus die heimischen Produktionsstrukturen zu strapazieren und zu gefährden.

Mittlerweile ist das Argument des "teuersten Films" ein wenig relativiert durch die Tatsache, dass Jedermanns Fest nur unwesentlich teurer gewesen sein dürfte als etwa Die Klavierspielerin von Michael Haneke. Schon in Zeiten, als man noch in Schillingen rechnete, waren 72 Millionen für eine europäische Koproduktion ein bescheidenes Sparprogramm. Erst recht, wenn man die ambitionierten Vorgaben mitbedenkt: Nichts weniger als ein Vorzeigeprodukt für den internationalen Markt hat man sich erhofft, frei nach der Salzburger Cashcow Jedermann am Domplatz.

Flucht und Lähmung

Dabei hätte doch bereits nach der Lektüre des Drehbuchs klar sein müssen, dass Fritz Lehner es mit einer gefälligen Verbeugung vor einträglichen heimischen Traditionen nicht bewenden lassen würde. Und schon aus seiner Innerhofer-Verfilmung Schöne Tage und seinem Schubert-Epos Mit meinen heißen Tränen war abzulesen, dass er selbst in der Beengtheit von TV-kompatiblen Laufbildern gerne das Weite bzw. die Weite sucht. Lehner ist vielleicht ein Eskapist, aber das Flüchtige ist diesem Perfektionisten fremd. Und vielleicht wäre er in heimischen biedermeierlichen Traditionen gut aufgehoben, aber zum Mozartkugel-Produzenten taugt er nicht.

Wie kein anderer unter den heimischen Filmemachern ist Lehner durchdrungen von der österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte. Wie gefesselt, fast bewegungsunfähig scheint er manchmal unter der Bürde, die ihn dabei zu erdrücken droht. Und doch versucht er, auch filmisch betrachtet, abzuheben, sich abzuarbeiten, die gefälligen Fassaden niederzureißen, hinter denen sich beträchtliche Desolation auftut.

Beim Flug über Jedermanns Schloss etwa erweist sich eine soeben restaurierte Vorderfront förmlich als Wall vor einem Meer von Ruinen. Vor der Wiener Staatsoper wiederum, auf deren Dach sich die Kamera im Vorspann von Jedermanns Fest schwingt, wälzt sich monoton und gleichgültig der Ringstraßenverkehr. Und wenn der Modeschöpfer Jedermann über den Dächern von Wien eine greise, nackte Salome präsentiert, dann ist dies nur ein weiterer Hinweis auf Oberflächen und Hintergründe, die nicht mehr zueinander passen wollen.

Fremder Blick

Immer wieder wählt Lehner darüber hinaus die Perspektive eines "fremden Blicks", für den die Fassaden aufreißen: Er tut dies aus der Perspektive von Juliette Gréco, die als Pariser Modezarin die Gaukeleien ihres Wiener Verehrers Jedermann und seine kleinbürgerlichen Hintergründe mit einer Mischung aus Amüsement und Ekel beobachtet. "Fremd" scheint nicht zuletzt Jedermanns starrer Blick in die Ferne: Ist dies der letzte "Lebensfilm" eines Verunglückten (und damit einer von derzeit zahllosen Filmen aus der Perspektive eines Toten)?

Der vielleicht interessanteste "Verfremdungs"-Effekt ergibt sich schließlich aber aus der Wahl des Hauptdarstellers: Es ist schwer möglich, angesichts der zunehmend gefrierenden Miene von Klaus Maria Brandauer nicht auch die reale Karriere des Weltstars mitzubedenken: Die von ihm selbst immer wieder glaubhaft zur Schau gestellte bodenständige Bescheidenheit und gleichzeitig diese etwas eitlen Eskapismen, bei denen er bevorzugt sich selbst unnötig im Weg steht. Nicht zuletzt, weil man in Österreich mit Internationalität meist nur in Verehrung oder Verachtung umgehen will.

Im Rahme der gehässigen Berichterstattung über Jedermanns Fest sind sich heimische Boulevardmedien ja uneinig, ob Brandauer immer noch genial oder schon völlig draußen aus dem Geschäft ist. Tatsächlich beschenkt er jedenfalls diesen Film mit einer großartig reduzierten Performance. Es ist, als würde er, wenn Jedermann in Allüren verfällt, sich selbst aus einer ungeheuer wehmütigen, uneitlen, fast beschämten Distanz beobachten. Vor dreißig Jahren hätte vielleicht Oskar Werner Vergleichbares geboten. Im österreichischen Kino sucht es seinesgleichen.

Und in den heimischen Lichtspieltheatern muss man es tatsächlich lange suchen, weil Jedermanns Fest in dieser Woche mit gerade einmal vier Kopien starten wird - angeblich, weil ein Film, der fast drei Stunden dauert, einem großen Publikum nicht zuzutrauen sei. Das ist wiederum grotesk in einem Land, in dem man dem so genannten "großen Publikum" schon ganz andere Unsäglichkeiten zugemutet hat.

Ganz gewiss wird nicht jedermann dieses Epos lieben, und mitunter ist dieses "Fest" tatsächlich sehr "jenseitig": Insgesamt findet man im österreichischen Spielfilm der letzten Jahrzehnte aber nur wenige ebenbürtige Arbeiten. Und wenn Jedermanns Fest Fritz Lehners weiteres Schaffen verunmöglicht haben sollte, wie manche Leute höhnen, dann wäre das ein wirklicher Skandal.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 1. 2002)

Von
Claus Philipp


Filmladen.at

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