"Körperlich nicht einer der Stärksten"

22. Jänner 2002, 15:59
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Nach dem Double in Kitz ist Stephan Eberharter auch seinem hartnäckigsten Weltcup-Gegner eine Nummer zu groß

Benno Zelsacher aus Kitzbühel

Stephan Eberharters Schultern waren am Abend des Tages der großen Tat weichgeklopft wie ein Schnitzel. Er, der "generell die Ruhe bevorzugt", absolvierte das Rennen durch Siegerehrung und Interviews und Sponsortermine genauso souverän und gelassen wie die beiden Läufe auf der Streif. Und dieses Rennen nach dem Rennen, die Tausenden bei der Siegerehrung, sind ja die Ursachen dafür, dass die Gagen in Kitzbühel viel höher sind als anderswo im Weltcup (40.000 für den Super-G-, 50.000 für den Abfahrtssieg).

"Jeder hat von mir erwartet, dass ich in Kitzbühel zweimal gewinne", sagte er nach Erledigung des Auftrags, den ihm andere zwar geben könnten, aber der wichtigste Auftraggeber ist immer noch er, Eberharter, der vom großartigen Gefühl, vom speziellen Tag, auf den er so lang gewartet hat, spricht. Aber auch davon, dass er die Erfolge mit großer Vorsicht genieße. "Vor elf Jahren haben sie mir schon auf die Schultern geklopft, jetzt sind es mehr geworden, aber das halt' ich auch noch aus."

Keine Sonderstellung

"Er nimmt überhaupt keine Sonderstellung für sich in Anspruch. Und ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird. Er ist zwar wie jeder erfolgreiche Spitzensportler ein Egoist, aber auch ein Mannschaftsmensch, er ist nicht der Freund von jedem, aber er akzeptiert jeden im Team, hat zu den Jungen ein gutes Verhältnis, hilft ihnen." Das sagt Herbert Mandl über Stephan Eberharter, der muss es ja wissen, erstens leitet er seit drei Jahren jene Trainiungsgruppe, der Eberharter angehört, zweitens arbeitete er bereits 1986, ehe er vorübergehend zu den Damen wechselte, im ÖSV-Nachwuchs, einer seiner Schützlinge hieß Stephan Eberharter, und er war schon damals einer der besten Skifahrer.

Mandl: "Körperlich gehört er nicht zu den Stärksten im Team, aber er versteht es wie kaum ein anderer, seine Kräfte richtig einzusetzen, er macht alles sehr bewusst, er ist ein Meister im Kraftsuchen." Andere versteiften sich mitunter auf die Kondition und auf die Kraft, aber das sei eben nur die notwendige Grundlage des Skisports, und vor allem im technischen Bereich habe er zuletzt noch einen Sprung nach vorn getan. Die Allrounder-Gruppe übte im Frühjahr mit den kurzen Slalomskiern, dabei ging es um die Idee des Schwungs und koordinative Fähigkeiten im Hinblick auf den Riesenslalom. Dieser war ja heuer Eberharter das wichtigste Anliegen, schließlich war er im Vorjahr aus der ersten Gruppe gefallen, derzeit liegt er im Disziplinen-Weltcup an fünfter Stelle.

Die Kombi und also der Slalom mache, so Mandl, insofern keinen Sinn, als die Verletzungsgefahr mit den aggressiven Slalomskiern größer sei als der Wert der paar Punkte, die er erreichen könnte. Im März wird Eberharter 33, er selbst sagt, dass er seiner Arbeit so lange treu bleiben werde, solange er Spaß dabei habe und was weitergehe. Viele Ältere sind nicht dabei im Weltcup. Paul Accola, der unverwüstliche Schweizer, ist 35, Weltmeister Hannes Trinkl, der sich durch Platz zwei ins Olympiateam fuhr, 34. In diesem Alter, meint Mandl, sei dann bald einmal Schluss, "denn die Risikobereitschaft nimmt merklich ab." Das hat die Natur so eingerichtet bei den meisten Menschen.

Hochachtung

Die Konkurrenz spricht mit Hochachtung und wohlwollend über Stephan Eberharter. So wie der ewige Norweger Kjetil-Andre Aamodt (30), der wie Eberharter schon bei der WM 91 in Saalbach erfolgreich war (Super-G-Silber), bei dem es sich um den erfolgreichsten Medaillensammler der bisherigen Skigeschichte handelt (15 Stück bei WM und Olympia). "Stephan ist für mich eine Nummer zu groß im laufenden Weltcup. So gut habe ich ihn noch nie gesehen", kommentiert der Abfahrtszweite und schärfste Rivale im Rennen um die große Kugel. Weshalb Aamodt, neben seinem ebenso großen Landsmann Lasse Kjus gegenwärtig der Einzige im Zirkus, der in allen Disziplinen zur Spitze zählt, die Rennen in St. Moritz (Abfahrt und Riesenslalom) gleich auslassen wird, um Luft zu holen für Salt Lake City. Denn dort, meint Aamodt, wo die Tagesform zähle und nicht wie im Weltcup die Leistungssumme eines Jahres, rechne er sich viel mehr Chancen aus, Eberharter zu erwischen, "obwohl er auch für mich der große Favorit ist, mindestens in der Abfahrt und im Super-G." Eberharter wird nichts auslassen auf dem Weg, er will nicht runtersteigen von der Welle, die ihn so schön trägt.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 21.2. 2002)
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