Im Zug mit Fans: Saufbruders laute Nachtfahrt

22. Jänner 2002, 16:01
posten

Kitzbüheler Nacht dunkelfinster

Wien/Wörgl - Wiens Westbahnhof geht in dieser Nacht über vor Hängengebliebenen, darin massiert sich eine für Kitzbühel bestimmte Fanhorde, bereits der Hochform nahe und voll entschlossen, das Letzte aus sich herauszuholen. Die ÖBB, von der so genannten Verkehrspolitik in Österreich seit einer Ewigkeit vernachlässigt, waren nicht imstande gewesen, an diesem Wochenende dem vergrölten Liegewagen einen Schlafwagen anzuhängen, in dem schlafwillige Reisende wie Madeleine Petrovic auf dem Weg nach Innsbruck hätten Ruhe finden können. Nur ein von seiner Firma im Stich gelassener Schaffner kämpfte brav.

Durch die dünnen Liegewagenwände drangen die sportlichen Geräusche vom Wettlauf mit dem Durst und dem Speiben in den Nichtschlaf der zivilen Reisenden. Die Skibegeisterten hängten sich zum Glück gegenseitig aus dem Fenster, um das Erbrochene in die Landschaft zu werfen. Sie sangen vom "Steff" und von Tirol überhaupt, sinnierten in Salzburg, ob sich während des Aufenthalts wohl ein Abstecher ins Haus mit der roten Lampe davor ausginge und fielen in Wörgl aus dem Zug.

Innsbruck Hauptbahnhof!

Umsteigen in Innsbruck, der beispielhaft verdreckte Bahnhof ist in der Hand der Kitzer Reisenden und jeder Fluchtweg verstellt. Der Jugendwarteraum zugesperrt, kein Café offen, sechs mickrige Sesseln stehen mitten im polaren Luftzug, ein Mensch von mehr als 40 Jahren und weniger als zwei Promille holt sich dort die letale Verkühlung. Zum Glück stoffwechseln dort die Salzburger und Tiroler Mander mit ihren spitzen Filzhüten, Tröten und Bierdosen. Und kein ÖBBler weit und breit. Bei einer Wartezeit von 50 Minuten zum Anschluss plus Verspätung von einer halben Stunde wird so ein nächtlicher Bahnhof ein Grenzerlebnis.

In der Nacht darauf auf dem Weg zurück, Petrovic bleibt in Innsbruck bei ihrem Professor, Nicht-Grüne fahren zurück: derselbe Schaffnerengel, dieselbe Garnitur. "Sie Arme, Sie schon wieder, in Wörgl kommen wieder die Fans." Frische Decken für die Liegen, immerhin kein Biersee mehr, die Müllberge geräumt, der Zug stinkt wie eine alte Bierdose. Angst, noch am wenigsten vor der gestörten Nachtruhe. Wörgl. Stille. Der Schaffner kommt. "Die haben den Zug verpasst." Versaute Toiletten, Staub überall, Quietschen? Wurscht. Schlafen. Wer hat gewonnen? Die Schiene nicht. (uwo)

Share if you care.