Kein Zwangsurlaub für Kabarettisten

19. Jänner 2002, 12:16
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Kritische TV-Sendung sollte im ungarischen Wahlkampf pausieren

"Sieben Tage - Sieben Köpfe" und ihre Zuschauer siegten im Wahlkampf. Denn in dessen Rahmen sollte die kritische, beliebte Sendung des privaten Fernsehsenders RTLClub zwangspausieren, die ungeschminkt den ungarischen Alltag, Regierung, Parteien, Politiker aufs Korn nimmt. Doch nun hat die Chefetage des Kommerzsenders ihre Entscheidung revidiert. Begründung: 84 Prozent der rund drei Millionen seien gegen den Zwangsurlaub der Kabarettisten, berichtet die Ungarische Nachrichtenagentur MTI am Samstag.

Druck

Der Druck der Regierung auf die Medien habe sich im Wahlkampf erhöht, erklärte Ildiko Lendvai, Vizevorsitzende der oppositionellen Sozialisten (MSZP). "Ich glaube, die Regierung betreibt hier eine Bumerang-Politik. Dabei hat sie jene kompromittierende Praxis neu belebt, mit der der Versuch unternommen wird, die Medien zu okkupieren, sie zum Schweigen zu bringen."

Reden wir darüber

Laut Lendvai richtet die Regierung ihre Aktion nicht mehr nur gegen Journalisten, Zeitungen, Rundfunksender und Programme, die "ihr nicht gefallen", sondern will auch "die Wähler selbst, die Hörer zum Schweigen bringen". Als Beispiel wird die beliebte Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "Beszeljük meg" (Reden wir darüber) genannt, die aus dem Programm gestrichen wurde. In ihr konnten Hörer ihre Meinung äußern, auch über die Regierung. "Solche Programme - so Lendvai - " wurden durch die Regierung oder mittels deren direkter Hilfe abgeschafft, die vor allem die Meinung der Gesellschaft vermittelten, und dadurch sehr beliebt waren."

"Kontrollgruppe"

Doch auch Auslandskorrespondenten wurden in der regierungsnahen Zeitung "Magyar Nemzet" auf eine Schwarze Liste gesetzt. Nach einer Analyse der so genannten anonymen "Kontrollgruppe" wurden Namen jener Journalisten angeführt, die angeblich mit ihrer Kritik dem Image Ungarns schaden. Diese Aktionen - so Ildiko Lendvai - hätten heute auch internationales Aufsehen erregt. "Denn in der kultivierten Welt ist es undenkbar, dass Auslandskorrespondenten auf eine "Schwarze Liste" einer Zeitung gelangen. Es sei "naiv anzunehmen, dass das ungarische Image dadurch geschädigt wird, wenn ein Journalist berichtet, was ihm nicht gefällt." Das sei kurzsichtig, denn heute gebe es doch keinen Eisernen Vorhang mehr, und die Menschen hätten Zugang zu allen möglichen ausländischen Informationsquellen. "Wer also mit den ausländischen Journalisten ebenso schändlich oder noch schmachvoller umgeht wie mit den ungarischen Journalisten, der schadet dem Landesimage in höchster Form", meint die Vizevorsitzende der MSZP. Sie erinnert zugleich daran, das die Regierung Antall-Boros kurz vor den Wahlen 1994 und ihrer Wahlniederlage eine ähnliche Politik betrieben hätte. (APA)

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