Israel zerstört Büros des palästinensischen Rundfunks

20. Jänner 2002, 13:40
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Vorwurf von "aufrührerischem Programm"

Die israelische Armee hat am Samstagmorgen das Bürogebäude des palästinensischen Rundfunksenders "Voice of Palestine" im Westjordanland zerstört. Soldaten drangen unter dem Schutz von Panzern und Planierraupen in des fünfstöckige Gebäude in Ramallah ein. Sie zündeten Sprengsätze und steckten so das Bürogebäude in Brand, das sie zuvor geräumt hatten. Die Armee äußerte sich zunächst nicht zu dem Vorfall. Bereits am Freitag hatte Israel mit einem Luftangriff auf die Polizeizentrale der Stadt Tulkarem Vergeltung für einen palästinensischen Anschlag auf eine Familienfeier in Nordisrael geübt.

Nachdem die Soldaten die Sprengsätze in dem Bürogebäude des Senders gezündet hatten, stiegen Rauchwolken empor. Trümmer flogen durch die Luft und Flammen schlugen aus den Fenstern. Palästinensische Feuerwehrleute versuchten die Flammen zu löschen.

Der palästinensische Sicherheitschef im Westjordanland, Jibril Rajoub, verurteilte die Zerstörung des Gebäudes. Dies zeige, dass dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon jeder politische Horizont fehle und Krieg seine einzige Option sei, sagte Rajoub. Die israelische Regierung wolle ein Symbol der palästinensischen Souveränität zerstören. "Aber 'Voice of Palestine' ist nicht nur ein Gebäude, das zerstört werden kann, er ist in den Herzen aller Palästinenser", sagte Rajoub weiter.

"Aufrührerisches Programm"

Israel hat dem Sender vorgeworfen, aufrührerisches Programm zu senden. Die Palästinenser wiesen dies zurück und warfen Israel ihrerseits vor, die palästinensischen Medien zum Schweigen bringen zu wollen. Zunächst war unklar, ob die Zerstörung des Gebäudes die Ausstrahlung des Rundfunk-Programms von "Voice of Palestine" beeinträchtigte.

Bereits im Dezember hatte die Armee mit Sprengsätzen und Planierraupen einen Sendemast und das Sendegebäude des palästinensischen Rundfunks zerstört. Die Palästinenser sendeten daraufhin über örtliche Frequenzen im Westjordanland und im Gaza-Streifen.

Anschlag in Hadera, Luftangriff in Tulkarem

Bei dem israelischen Luftangriffangriff in Tulkarem im Westjordanland am Freitag waren nach palästinensischen Angaben mindestens ein Mensch getötet und 40 verletzt worden. Israel reagierte damit auf den Anschlag eines Palästinensers am Abend zuvor, der sechs Gäste einer Kindergeburtstagsfeier in Hadera erschossen hatte, bevor er selbst getötet worden war. 33 Personen wurden verletzt. Zu dem Anschlag bekannte sich die Brigade der El-Aksa-Märtyrer, die zur Fatah-Organisation von Palästinenser-Präsident Yasser Arafat gehört.

Der Anschlag in Hadera folgte einer Reihe von Überfällen in der vergangenen Woche, mit der eine drei Wochen dauernde Phase relativer Ruhe zu Ende ging. In dem seit 15 Monaten andauernden Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung starben 809 Palästinenser und 246 Israelis.(APA/Reuters)

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derStandard.at /Politik

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