Bei anhaltendem PC-Blues nur wenig fröhliche Klänge

19. Jänner 2002, 10:48
posten

Zwischen Bangen und Hoffen: Zu Jahresbeginn sendet die Techindustrie ambivalente Signale. Der PC-Markt schrumpfte im Vorjahr, erst das zweite Mal in seiner Geschichte

Die Branche hat zwar schon schlechtere Tage gesehen, aber vor allem über lange Jahre viel bessere. 2001 ging der weltweite Verkauf von PCs zurück, je nach befragtem Orakel um 5,1 Prozent (IDC) oder nur um 4,6 Prozent (Gartner). Das ist, seit 1985, das zweite Mal, dass das einstige Wirtschaftswunderkind Einbußen statt Zuwächse verzeichnen musste.

Unterschiede je nach Region und Hersteller

Das insgesamt unschöne Bild unterscheidet sich jedoch nach Regionen und Herstellern. In den USA war der Rückgang stärker ausgeprägt als in Europa, und gegen Jahresende zeigten sich Erholungstendenzen. Während die meisten Hersteller abspeckten - Compaq und Gateway die großen Verlierer -, freute sich der texanische PC-Hersteller Dell über absolute und relative Zuwächse. Dank eines Rekordmarktanteils in den USA (IDC: 27 Prozent) ist Dell inzwischen unangefochten der weltweite Listenführer bei PC-Verkäufen, vor Compaq, IBM, HP und NEC. Diese Position im PC-Markt würde Dell auch behaupten, wenn die HP-Compaq-Fusion zustande käme, obwohl Letztere aufgrund eines breiteren Geschäftsfeldes das größere Unternehmen wäre.

Lichtblicke machen Hoffnung

Zwei Lichtblicke des abgelaufenen Jahres machen Hoffnung. Einerseits wurde im asiatisch-pazifischen Raum (ohne Japan, wo weiterhin Rückgänge regieren) echtes Wachstum gesichtet, weltweit die einzige Region mit einem Zuwachs. Vor wenigen Tagen berichtete Intel, dass sie erstmals mehr Chips nach Asien exportiert als in den USA verkauft hätten.

Deutlicher Trend zu teureren Geräten

Andererseits zeigt sich bei privaten Käufen trotz anhaltender Preiskriege im unteren PC-Segment ein deutlicher Trend zu teureren Geräten. Digitale Fotografie, Musik, Video und DVD finden Anklang, verlangen jedoch nach leistungsfähigeren PCs und Zubehör. Apples Entscheidung zu einer höherwertigen Produktpalette scheint sich damit zu bestätigen: Die Nachfrage nach den erst vor zwei Wochen vorgestellten neuen iMacs mit Flachbildschirmen sei die stärkste seit Einführung des ursprünglichen iMacs 1998, sagte Apple-Finanzchef Fred Andersson.

Microsoft zeigte Stärke

Unbeirrt vom schwächelnden Gesamtmarkt zeigte Microsoft Stärke. Mit Umsatz-und Gewinnzuwächsen über den Erwartungen überraschte Microsoft am Donnerstag Freund und Feind zugleich: Im eben abgelaufenen zweiten Quartal seines Finanzjahres wuchs der Riese aus Redmond gegenüber dem Vorjahrsquartal um 18 Prozent auf 7,7 Mrd. Dollar (8,7 Mrd. EURO/120 Mrd. S) Umsatz bei einem Betriebsergebnis von 2,8 Mrd. Dollar (davor: 2,62 Mrd. Dollar), das jedoch von Prozesskosten in Höhe von 600 Mio. Dollar geschmälert wurde. Die Microsoft-Strategie der Expansion in allen Bereichen zahlte sich aus: Florierendes Geschäft mit Xbox (die neue Spielkonsole), Windows XP und Internetdiensten machten Rückgänge bei Serversoftware mehr als wett.

IBM hingegen, das den Privatkundenmarkt schon seit geraumer Zeit im Wesentlichen geräumt hat, bleibt von der anhaltenden Geschäftsflaute betroffen. Zum vierten Mal hintereinander schrumpften Quartalsumsatz (um minus elf Prozent auf 22,8 Mrd. Dollar) und -gewinn (minus zehn Prozent auf 2,3 Mrd. Dollar). (spu/Der Standard, Printausgabe vom 19./20.1.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.