Noch ungeboren, schon therapiert

18. Jänner 2002, 20:41
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Embryonen nicht für Stammzellen töten, sondern sie damit heilen

Wien - Embryonen töten, um an ihre Stammzellen zu kommen. Dieser Plan sorgt in Europa und den USA für heftige Diskussionen. Nun drehen Forscher erstmals den Spieß um und heilen Embryonen mit Stammzellen.

Pränatale, also vorgeburtliche Therapien sind längst medizinische Praxis, bis hin zu Operationen mittels Kaiserschnitt. Jetzt aber bekommen die ersten kleinen Patienten schon vor der Geburt eine Stammzelltherapie. In Fällen von Blutgruppen-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind kann man so "die Schwangerschaft ein bisschen länger erhalten, bis man die klassische pränatale Therapie einsetzen kann", berichtet Markus Hengstschläger, Genetiker am Wiener AKH, von einer lebensrettenden Anwendung.

Weiters will man damit Gendefekte frühzeitig beheben - bereits getestet bei Immunerkrankungen (wie der Severe Combined Immundeficiency), Stoffwechsel- und Speicherkrankheiten. Dabei werden Substanzen wie Zuckerverbindungen in einzelnen Organen zu stark abgelagert, was das jeweilige Organ irgendwann versagen lässt.

Beim Gros der Erkrankungen "ist die Hauptschädigung schon abgeschlossen, wenn das Kind auf die Welt kommt", weiß Hengstschläger. Dann folgen etwa monate- oder jahrelange Bettlägrigkeit, bei jenen ohne jede Immunabwehr ein Leben unter einer Glocke.

Und mit diesem Konzept will man dem vorbeugen: "Stammzellen in den ungeborenen Körper vor der 14. Schwangerschaftswoche einbringen, wenn der immunologisch ungeprägte Fötus noch nicht zwischen eigen und fremd unterscheiden kann", erläutert Hengstschläger. "Das Problem bei der Stammzelltherapie ist ja oft die Abstoßung."

Der frühe Eingriff hat einen großen Vorteil: "Das Knochenmark, sozusagen das Haus, in dem die Immunologie sitzt, ist noch relativ leer", sagt Hengstschläger gegenüber dem STANDARD. "Damit ist die Hoffnung hoch, dass das Kind die Stammzellen behält. Und sich seine eigenen nicht ausbilden, die oft eh nix können."

Für diese Therapie bleibt kaum Zeit. Denn erst wenige Wochen vor Ausbildung des Immunsystems ist die Nabelschnur dick genug zum Anstechen für die Stammzell-Injektion. Daher werden die Zellen von einigen Forschern alternativ in die Bauchdecke des Ungeborenen gespritzt - mit höherem Risiko.

Babys als Spender

Bei der Therapie setzt man blutbildende (hämatopoetische) Stammzellen ein - aus Leber und Knochenmark von abgetriebenen Föten, aus Knochenmark von Spendern oder aus der Nabelschnur eines anderen Babys.

Der Eingriff erfolgt nicht bei schlichtem Verdacht auf Genschaden. "Bei den bisherigen Fällen konnte man den Gendefekt direkt beweisen", sagt Gendiagnostiker Hengstschläger, "dafür suchen wir die Genmutation, die in einer Familie mit entsprechender Geschichte krankheitsauslösend ist." Es folgt eine Zell- entnahme aus der Gebärmutter zum Genvergleich. "Ein 100-prozentiger Beweis", versichert Buchautor Hengstschläger ("Das ungeborene menschliche Leben und die moderne Biomedizin", Maudrich-Verlag).

Nicht alle 30 publizierten kleinen Stammzellpatienten an Kliniken in London, San Diego, Kalifornien sowie Pennsylvania, Philadelphia konnten geheilt werden. Einige starben noch vor der Geburt, wie dies bei den fraglichen Krankheiten vorkommt.

Für eine wissenschaftliche Bewertung ist die Zahl der Studienteilnehmer noch zu gering. Gerade bei Immunerkrankungen sieht Hengstschläger aber in Zukunft "eine wesentliche Rolle" für diese quasi präventive Therapie: "Für mich ist neben den genannten Gründen einer mindestens genauso wichtig: Die Erkrankungen sind meist eine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch. Wenn man aber nach einer frühen Gendiagnostik ansetzt, kann man ihren Ausbruch verhindern. Und ein gesundes Kind kommt auf die Welt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 1. 2002)

Erstmals erhalten Ungeborene Stammzellen gegen schwere Erbkrankheiten. Damit sollen Gendefekte in den ersten Lebenswochen wegtherapiert werden, damit das Leiden erst gar nicht ausbricht. Grundlage ist eine exakte Diagnose der Genmutation.

Von Roland Schönbauer
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