Zitterndes Idearium der Gefühle

18. Jänner 2002, 20:34
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Corinna Soria löst sich aus dem Schatten Ingeborg Bachmanns

Es ist meine feste Überzeugung, dass die meisten Autoren an vorzeitigem Lob scheitern. Corinna Soria tritt allerdings den Gegenbeweis an. Der Salzburgerin konnten die Begeisterungsstürme zum Anfang des letzten Jahres offensichtlich nichts anhaben.

Leben zwischen den Seiten, ihr Furore machendes Prosadebüt, ist - wie der neue Band von Kurzgeschichten - im Wieser Verlag erschienen. Das deutschsprachige Feuilleton hat sich davon hingerissen gezeigt, und Soria nahm den Rauriser Literaturpreis für ihre Leistung entgegen. Ihr Prosaerstling ist eine vollkommen im Bachmannschen Ton gehaltene Erzählung, ein Opus, an dem die Autorin, mit großen Unterbrechungen, fünf Jahre lang geschrieben und dessen lyrischer Tonfall begeistert Anklang gefunden hat. In der 160-Seiten-Erzählung wird eine verdüsterte Kindheit an der Seite einer kranken Mutter erzählt. Der Text hat den Zuschnitt eines Romans und ist mit einem kostbaren psychologischen Unterfutter ausgestattet. Wie ihr erklärtes Vorbild ("Ingeborg Bachmann heißt die Verfasserin dieser Worte, die dich erstarren lassen") sucht Soria nach Klarheit durch Unschärfe, nach Helligkeit durch Verdunkelung. Sie will sprachliche Präzision durch den Verlust des Subjekts erzeugen, sodass sich dieses Neue einstellen kann: Poesie.

Corinna Soria hat in Leben zwischen den Seiten nicht nur die Erzählhaltung der Bachmann übernommen, sondern auch deren Stärken, Schwächen und Verrenkungen. Die ehemalige Mitarbeiterin des Wiener Literaturhauses schien wieder jene Gereiztheit um sich verbreiten zu wollen, mit der die große Schwester einst eine diskrete Spur von Klagenfurt bis Rom gezogen hat. Und so geht man kaum fehl in der Annahme, hinter ihren Texten ein antiquiertes Konzept von Wahrhaftigkeit zu vermuten. Allein: Gegen die Wahrheit lässt sich kaum etwas sagen in einer Zeit, die sie gering achtet und alles aufdröselt - in Worte.

Die Fragen, die sich nach dem fulminanten Debüt gestellen haben, waren: Was würde danach kommen? Wird Soria ihren Anfangserfolg kopieren? Trägt ihre Sprache überhaupt einen anderen Stoff? In Leben zwischen den Seiten flüchtet ein kleines Mädchen in die Literatur, liest wie besessen Karl May und Cooper und stattet seine triste Umgebung üppig mit Indianerfantasien aus, während sich die religös umnachtete Mutter auf eine unaufhaltsame Talfahrt begibt. Sorias anfänglicher Schreibgestus war manisch, doch hat ihrem obsessiven Umgang mit der Bibelsprache der knöcherne Ernst eines Patrick Roth gefehlt. Trotz des geschickt aufgenommen Schwungs der Litanei, verzichtete sie letztlich auf das Auskosten der Ekstase bis zum letzten Tropfen. Leben blieb ein Buch voller schöner, einfacher Sätze. Prall gefüllt mit Schweigen und mit Trostplüschbärenohren. Am Ende zeigte sich so, dass Gott sich von Menschengeschichten ernährt. Dass all unser zusammengesammeltes Zueinanderwollen nicht geht. Und nur die Sonne die Geister auszutreiben vermag.

Lässt sich das noch übertreffen? Doch, ja. Der Nachfolgeband Klingen versammelt sieben Kurzgeschichten sowie die Beigaben von etwas Prosalyrik und einem übercodierten Märchen. Zwei dieser Kurzgeschichten gehören mithin zum Besten, was die österreichische Literatur in den letzten Jahren hervorgebracht hat. In Dire Adieu drängt erneut alles zur Sprache, wird die Liebe zur Sprache, findet eine Umformung statt. Hier werden die troubadesken Manieren und Minnesängerleidenschaften eines Paares im E-Mail-Verkehr ausgetragen. Klingen wiederum bezaubert durch abrupte Wendungen. Die Geschichte beginnt als kleine Milieustudie, wächst sich aus zu einer Suada der Ich-Erzählerin gegen die Menschen im Allgemeinen und den geliebten Menschen im Besonderen, verwandelt sich weiter zu einem Anbetungstraktat der in New York lebenden Schwester, wohin ihre Flucht führt. Literarische Bilder werden hier schroff gebrochen, und am Ende steht die Verzweiflung darüber, dass sich die Brutalität und Gewalt der Gegenwart nicht offen zeigen, roh und unvergoren da.

Der Mangel, dass sich die Zerstörungswut "nicht gerechtfertigt zeigte durch Ideen in Wahnsinnshirnen ausgebrütet", dieser Mangel dürfte in der Realität inzwischen behoben sein. Aber Sorias Literatur gewinnt ihr Gewicht ohnehin nicht aus der Aktualität. Ihr Schreiben zeichnet sich vielmehr durch Eros aus, durch das Geschick, Kunst zu einer Mystifikation des Lebens zu machen. Die Figuren bewegen sich in einem raffinierten Abstand umeinander, der gerade noch Distanz ist, ohne nahe zu sein. Die Träume sind hier Träume von erleuchteten Sälen, von Wärme und Intimität. Wir erfahren von einer Liebe in Antwerpen, hören von einer Männerfreundschaft mit Cello und Hund. Die Figuren holen in langen Gesprächen Rollen in sich hoch, erklären sich leidenschaftlich in Worten. Manche lassen "ihre Empfindungen über sich ergehen wie ein nicht formulierbares, nicht erwartetes Glück". Andere fühlen sich wie zertretener Schiefer, schleppen ihre Kindheit wie Auswüchse mit sich herum oder führen ein "Leben im Ministil".

Diese Autorin lebt in der Sprache, die Worte sind ihre Perlschnüre und die Lettern Hoffnung in einer Welt des sezierenden Blicks. Ist es in Leben die fulminante Kinderperspektive, die alles trägt - "Mein Zielscheibendasein", wie das Mädchen einmal sagt -, so lösen sich die Lebens-und Schmerzkonstanten nun in einen ganzen Fächer von Zuständen auf. Da gibt es ein drastisches Wort über den Liebesakt, der einem Toilettengang gleicht. Und dann wieder gibt es verspielte Liebesahnungen wie diese: "Als ich von der Salatbar kam und sah, wie er, die Augen geschlossen, mit den Händen behutsam über den Tisch strich und in diesem Streichen ganz aufging, lächelte, fast schon abwesend, wusste ich, dass wir aufrecht zu gehen, dass wir uns so über die Haut zu streichen haben, dass sein Gesicht so aussehen würde, dass er mit den Händen fühlen konnte und das ist schon fast zuviel verlangt von einem Menschen."

Und so besitzen wir also nun zwei Bücher, wobei im ersten "die Zeit sich in zwei Zeiten geteilt" hat und im zweiten diese "zwei Zeiten nebeneinander zu laufen" beginnen.
(Von Wolfgang Koch - DER STANDARD, Album, 19.1.2002)

Corinna Soria, Klingen. Die Kunst über den Bogen zu springen. EURO 26,80/öS 369,-/170 Seiten. Wieser, Klagenfurt 2001.

Corinna Soria liest am 21.1. um 20 Uhr im Literatur- haus Salzburg (Struberg. 23, 5020 Salzburg) aus "Klin- gen". Am 28.1. um 19.30 stellt sie den Band im Antiqua- riat Buch & Wein (Schäffergasse 13a, 1040 Wien) vor.

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