Das Morden im Norden

18. Jänner 2002, 20:31
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Auch ihr unwirtlicher Lebensraum konnte die Stellersche Seekuh und den Riesenalk nicht vor der Ausrottung bewahren

Er war der erste aller Pinguine: Denn schon lange bevor seine mit ihm nicht näher verwandten "Vettern im Frack" auf den Inseln rund um die Antarktis entdeckt wurden, nannte man den Riesenalk, den einst größten Meeresvogel des Nordens, den "Pinguin". Und in seinem wissenschaftlichen Namen "Pinguinus impennis" hat sich dieses "Erstlingsrecht" erhalten. Doch viel mehr als sein Name ist nicht geblieben: 1844 wurde auf einer Insel vor Südwestisland das letzte Paar getötet. Schwer hat es der Riesenalk seinen Mördern nicht gemacht: Im Wasser war der etwa hausgansgroße, flugunfähige Fischfänger zwar wendig und tauchte blitzschnell weg: An Land watschelte er hoch aufgerichtet auf weit hinten liegenden Schwimmfüßen hilflos umher.

Ursprünglich war der Norden eine stille, kaum besiedelte Region, doch ab dem 16. Jahrhundert kamen immer mehr Fischer, Walfänger und Auswanderer auf die Färöer-Inseln, nach Island, Grönland und Neufundland. Sie alle brauchten Proviant und die Riesenalken waren eine leichte Beute. Nicht nur das Fleisch, auch die Eier der Vögel waren begehrt, ganze Brutkolonien wurden von den "Jägern" und Eiersammlern ausgerottet. Auch die Federn des Riesenalks waren ein gefragtes Handelsgut. "Wenn du wegen ihrer Federn kommst, machst du dir nicht die Mühe, sie zu töten", schildert ein Zeitzeuge die Gräuel. Die Vögel wurden nicht nur gerupft, sondern auch bei lebendigem Leib gekocht oder zum Feuermachen verwendet, da ihre Körper sehr fetthaltig waren und sich leicht entzündeten.

Die Massaker zeigten Wirkung. Als die wirtschaftliche Nutzung des Riesenalks nicht mehr rentabel war, ließ der Seltenheitswert von Bälgen und Eiern deren Sammlerwert in die Höhe schnellen - nun lohnte sich der Raub eines einzelnen Eies, die Tötung jedes Tieres. Geblieben sind vom "Pinguin des Nordens" nur 78 Bälge, 75 Eier und vier Skelette - und makabererweise die inneren Organe des letzten von Menschenhand getöteten Tieres. Von der Anmut der Riesenalken künden nur künstlerische Darstellungen, zum Beispiel die Tafel 645 in John James Audubons Werk "Die Vögel Amerikas".

Ungefähr so sah sie wohl aus: Die Stellersche Seekuh. Foto: Archiv

Von einem anderen einzigartigen Bewohner des nördlichen Meeres blieb nicht einmal eine genaue Darstellung: Die Stellersche Seekuh wurde 1741 von Georg Wilhelm Steller, Schiffsarzt beim Entdecker Vitus Bering, erstmals beschrieben. In den flachen Gewässern um die Beringinsel vor Kamtschatka weideten die riesigen Seekühe, die eine Länge von acht Metern und ein Gewicht von bis zu vier Tonnen erreichten, die Tangwälder ab. Vor allem die Haut der Tiere erweckte Erstaunen: Sie war extrem dick, vielfach gefältelt und erinnert an Baumrinde - "Borkentier" wurde die Stellersche Seekuh deshalb auch genannt. Diese "Korkhaut" war dicht mit Meeresorganismen besiedelt und schützte die Tiere wahrscheinlich nicht nur gut vor der Kälte, sondern förderte auch den Auftrieb im Wasser.

Notproviant

Berings Mannschaft konnte wegen des Winters die Insel nicht mehr verlassen - die Seekühe boten sich als Nahrungsquelle an. Doch es fiel erst gar nicht leicht, so einen Meeresriesen zu töten. Wenn es gelang, ein Tier mit Enterhaken und Seilen an Land zu ziehen, versuchten die sozialen Seekühe, dem verwundeten Tier zu helfen und wandten sich gegen die Boote. Doch für einen Kampf waren die plumpen, friedfertigen Pflanzenfresser nicht gerüstet. Steller nahm wissenschaftliche Untersuchungen an den Seekühen vor, seine Berichte bleiben die einzigen.

Trotz der Abgeschiedenheit und der Unwirtlichkeit ihres Lebensraumes war die Stellersche Seekuh schon 1768 ausgerottet, in diesem Jahr wurde das letzte Tier von einem russischen Robbenschläger getötet. Höchstens 2000 Exemplare dieser sanften Meeresriesen mögen existiert haben. den brutalen Jagdmethoden ihrer menschlichen Widersacher hatten sie nichts entgegenzusetzen. Eines der zehn übrig gebliebenen Skelette befindet sich im Besitz des Naturhistorischen Museums in Wien und ist seit kurzem wieder ausgestellt - als Erinnerung an ein faszinierendes Geschöpf des Nordens und als Anklage an das gierigste Raubtier der Erde, den Menschen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 1. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Andrea Dee

Buchtipp: "Who Killed the Great Auk?"

Jeremy Gaskell, Oxford University Press (in Englisch), rund 30 Euro.

Berichte zum Thema: "Das Naturhistorische" (Ausgabe Dezember)

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    Der Riesenalk

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