Morde im Priesterseminar

2. Februar 2002, 19:19
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P. D. James' düsteres Gemälde menschlicher Leidenschaften und Verirrungen

Rätselhafte Todesfälle und ein Mord in einer geschlossenen Gesellschaft - diesmal hat sich Phyllis Dorothy James ein recht altmodisch anmutendes Szenario ausgesucht. Ausgerechnet in einem abgeschiedenen elitären Priesterseminar an der sturmumtosten, symbolträchtig abbröckelnden Küste von Suffolk bringt sich einer der Studenten um.

Der heuchlerische und arrogante Archidiakon, der auf Visite weilt, bekommt damit einen weiteren Anlass, mit der Schließung des Seminars zu drohen. Besitzt St. Anselm doch ein kostbares Altarbild von Rogier van der Weyden, das im Falle einer "Strukturbereinigung" an die Kirche gehen würde. Und sonst ist viel von komplizierten Testamenten, weggelegten Kindern und geheimnisvollen alten Dokumenten die Rede. Als der unsympathische Archidiakon in der Kirche ermordet wird, ist es höchste Zeit für den Auftritt von James' bewährtem Ermittler Adam Dalgliesch. Der Jaguar-Fahrer und Freizeit-Lyriker Dalgliesch verbindet mit dem einsamen Ort, der gut in eine Gothic Novel passen würde, schöne Kindheitserinnerungen. Zunächst nur auf den merkwürdigen Selbstmord des Studenten angesetzt, ist der exzentrische Detective besonders erbost, dass sich quasi unter seinen Augen weitere Todesfälle ereignen. Allerdings kommt heutzutage auch der scharfsinnigste Ermittler nicht mehr ohne die DNA-Analysen und gefinkelte Laboruntersuchungen aus. P. D. James geht ihren neuesten Fall sehr gemächlich an. Mit geradezu betulicher Freude am Detail entwickelt sie ein düsteres Gemälde menschlicher Leidenschaften und Verirrungen, großartig erzählt, aber bei weitem nicht so brillant wie der vorangegangene Krimi Was gut und was böse ist. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Umtriebe in einer modernen Anwaltskanzlei für den Leser relevanter sind als die Querelen in einem anglikanischen Priesterseminar. (Der Standard - Printausgabe, Ingeborg Sperl)

P. D. James
Tod an heiliger Stätte.
€ 23,60/öS 325,-/543 Seiten.
Droemer, Müchen 2002
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