Liebe, Leid und die rollende Weltenkugel

18. Jänner 2002, 19:43
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Sehr späte österreichische Erstaufführung von Händels Oper "Teseo" am Klagenfurter Stadttheater

Die Inszenierung von Anouk Nicklisch lebt von beeindruckendsten Bildern und vokalem Koloraturglanz.

STANDARD-Mitarbeiter Reinhard Kager

Klagenfurt - Da liegt er, der knallrot gekleidete Held, und räkelt sich schlaftrunken zwischen zwei bildhübschen Damen. Was könnte Besseres passieren, als von schönen Frauen umsorgt zu werden? Doch eine der beiden heißt Medea, und das verheißt nichts Gutes. Nach dem grausamen Kindsmord am Athener Königshof gelandet, stiftet die antike Zauberin erneut Unheil wegen ihrer unerhört bleibenden Liebe zu Teseo.

Erst versetzt sie den Helden in einen künstlichen Schlaf, dann mischt sie ihm den Schierlingsbecher, um ihn und seine Braut Agilea zu vergiften. Georg Friedrich Händels 1712 entstandene Oper über den antiken Theseus liest sich wie ein Krimi um Liebe und Macht. Umso unverständlicher, warum Teseo - soweit sich das überhaupt verifizieren lässt - wohl erst jetzt zur österreichischen Erstaufführung gelangte. Zumal das Werk neben einem klugen Libretto (Nicolà Francesco Haym) eine Fülle außergewöhnlicher Musik aufweist, die vor allem die Koloraturenfestigkeit der Protagonisten auf den Prüfstein stellt.

In Klagenfurt wurde diese Probe mit großem Anstand bestanden: Durchwegs junge, schlank phrasierende Stimmen kamen zum Einsatz. Am Besten gefiel Anke Herrmann, die als Agilea behänder phrasierte als die von Händel in raffiniertem Wechsel zwischen Antiphon und Unisono gesetzte Solo-Oboe. Aber auch Martin Wölfel als latent schwuler Athenerkönig Egeo, Thomas Diestler als pfiffiger Arcane und Maria Theresa Ullrich als rasende Medea lösten ihre Aufgaben bravourös.

Einziger Schwachpunkt blieb die Besetzung der Titelrolle mit einer Frau als Kastratenersatz, zumal Sarah Castles mezzogetönte Sopranstimme auch nicht die nötige Dramatik für den Teseo besitzt. Aber vielleicht ist es auch falsch gedacht, den Kriegshelden in den Mittelpunkt gestellt wissen zu wollen. Denn Medea ist die geheime Hauptfigur des Stücks, der Händel die attraktivsten Arien schrieb.

Den Szenen, in denen sie ihre Rachepläne schmiedet, gelten folglich auch die beeindruckendsten Bilder von Anouk Nicklischs Inszenierung, die sich auf ein spektakuläres Bühnenbild (Roland Aeschlimann) stützt: Ein Ensemble aus geometrischen Elementen, das von einem ansteigenden, rechtwinkligen Dreieck dominiert wird, welches von stählernen Pfählen übersät ist, an denen die wütende Medea hochklettert.

Darüber schwebt ein dunkles Rechteck, das an den Achsen gedreht werden kann und immer wieder neue, an Saha Hadids bizarr-spitze Architektur erinnernde Formationen erzeugt. Als allegorischen Leitfaden rollt Nicklisch eine Weltenkugel durch die Szene, auf die Amor immer wieder seine Pfeile schießt - eine Anspielung darauf, dass in Händels Oper Liebe stets verquickt ist mit Macht.

Denn das Happyend, das Teseo vor Medeas Gift rettet, wird nur möglich, da er sich als unehelicher Sohn des Königs Egeo entpuppt. Eine gelungene Wiederentdeckung, an der der Originalklangspezialist Nicholas Kok am Pult des Kärntner Sinfonieorchesters und eine stilgerechte Continuogruppe mit Lauten, Cembalo und Barockcello entscheidenden Anteil hatten.

(DER STANDARD; Print, 19./20.1.2002)
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