Unterwegs sein als Unterrichtsprinzip

26. August 2003, 18:54
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"Tun" statt passiver Wissensberieselung: Das ist das Konzept eines ungewöhnlichen Schulprojekts. Die Schüler logieren in einem alten Kabelwerk - wenn sie nicht gerade unterwegs sind.

Grein- "Ich geh' zum ersten Mal gern in die Schule", sagt Lucia zum Standard. Später, auf der Bühne, kann sie als Hamlets Mutter ihr Darstellungstalent zur Geltung bringen. Probe- und heute, Samstag, auch Aufführungsort ist eine echte Bühne - das älteste im Original erhaltene Theater in Grein an der Donau.

Hier in Oberösterreich erarbeitete eine Klasse der w@lz ganze zwei Wochen Szenen aus sechs Shakespeare-Stücken im Originalenglisch. Andere w@alzisten werken gerade bei einem Radiosender in Dublin - sie alle werden damit dem Schulnamen gerecht. Im Mittelalter mussten Handwerksgesellen einige Jahre "auf die Walz", also auf Wanderschaft, gehen. Nach diesem Prinzip funktioniert auch das von Christoph und Renate Chorherr 1999 ins Leben gerufene Oberstufen- Schulprojekt: An der w@lz gibt es keinen fixen Lehrplan, und der Standort (ein altes Kabelwerk im 12. Bezirk) muss möglichst oft verlassen werden. Es gibt keine Lehrer im klassischen Sinn, sondern Coaches, die zum Teil Wissenschafter oder Praktiker sind. Gelernt werden muss auch hier - jedoch völlig anders: für Jahresprüfungen, die extern abgenommen werden.

In sechs Wochen den Stoff von ein bis zwei Schuljahren pauken, wie soll das gehen? "Das ist ganz schön tough", gibt Schulleiterin Chorherr zu. "Aber die Prüfungsvorbereiter sitzen in einem Boot mit den Schülern." Zur Not wird auch am Wochenende gemeinsam gebüffelt.

Sprachen, Auslandaufenthalte

Der Lehrplan orientiert sich am Oberstufenrealgymnasium, aufgrund der vielen Projekte sind bis zur Matura fünf Jahre eingeplant. Zwei Sprachen werden gelernt. Auch dabei ist Anwendungsorientierung angesagt. Pro Jahr gibt es zwei Auslandsaufenthalte - einer davon im Sommer. Nach Möglichkeit soll dabei gearbeitet werden - in Sozial-, Natur- oder Medienprojekten. Wer mag, kann sich den Job selbst organisieren. "Die Ferien sind eh zu lang", findet Chorherr, die früher an einer Steiner-Schule arbeitete.

"Du Renate, das Kostüm ist urschirch, da werde ich sicher ausgelacht", ist der "Geist" von Macbeth leicht verzweifelt. Es gehört zum Schulprinzip, dass man per Du ist. Die Kostümbildnerin stellt ihre Arbeit übrigens gratis zur Verfügung. "Weil sie das Schulprojekt so toll findet."

Sponsorengelder

"Guuuut", lobt inzwischen "Regisseur" Jürgen Matzat den Diener Hamlets, der korrekte Haltung statt hängende Schultern zeigen muss. Matzat hat früher ebenfalls an einer Steiner-Schule unterrichtet.

Draußen in den Gängen des Mini-Theaters aus dem Jahr 1791 haben sich rauchende Grüppchen gebildet. Wer nicht gerade probt, lernt Text oder gönnt sich eine Pause. Die Schulglocke ist schon lange aus dem Leben der Jugendlichen verbannt.

4300 Schilling beträgt das monatliche Schulgeld, dazu kommen noch die Projekt-Kosten - "leider", sagen die Chorherrs, weil es eigentlich kein elitäres Projekt sein sollte. Geld kommt auch von Sponsoren herein beziehungsweise durch Schüler- Arbeit - etwa durch das Erstellen von Firmen-Homepages. Schüler haben hier eben die Möglichkeit, "etwas ernsthaftes zu tun", wie es Christoph Chorherr, seines Zeichens nicht nur Schulgründer, sondern auch Klubobmann der Wiener Grünen, formuliert. Er hofft, dass sein Modell dem Regelschulwesen starke Impulse gibt. Das Interesse von Lehrern und Direktoren sei jedenfalls groß.

Und wie finden die gleichaltrigen Freunde der w@alzisten deren Schule? "Verrückt, aber cool." Den nächsten Infoabend an der Schule gibt es am 14. Februar um 19.30 Uhr.

(DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2002)

von Martina Salomon

www.walz.at
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