Selektion der Lehramtskandidaten

26. August 2003, 18:54
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Testsieger Finnland: Gesamtschule und strenge Lehrer-Auswahl

Helsinki - Schulpolitiker dürften künftig häufiger gen Finnland wallfahrten. Im OECD-Schulenvergleich "Pisa" schnitten die 15-Jährigen aus dem nordeuropäischen Land am besten ab.

In Finnland begegnete man den erfreulichen Ergebnissen mit typisch skandinavischem Understatement und dem Verweis auf Kritikwürdiges. So lasse das Interesse für Naturwissenschaften bei vielen Schülern zu wünschen übrig, die Jungen blieben hinter den Mädchen zurück, und um die Disziplin in den Klassenzimmern stehe es nicht zum Besten. Gleichwohl konstatieren die Finnen mit Befriedigung, dass ihr Schulsystem im internationalen Vergleich besonders geeignet erscheint, Sprach- und naturwissenschaftliche Kenntnisse sowie Chancengleichheit zu vermitteln.

Kernstück des finnischen Bildungssystems ist wie in den übrigen nordeuropäischen Ländern die Gesamtschule für alle bis zur neunten Klasse. Der Gesamtschule geht ein einjähriges freiwilliges Vorschuljahr voraus - ein Angebot, von dem 75 Prozent der Kinder Gebrauch machen, bevor im Alter von sieben Jahren der "Ernst des Lebens" beginnt. Ganz so ernst freilich geht es in der finnischen Gesamtschule nicht zu: In den ersten drei Jahren gibt es statt Zensuren verbale Beurteilungen, erst ab der vierten Klasse gilt ein Bewertungssystem mit einer Punkteskala von vier bis zehn.

Allen Schülern wird ein kostenloses Mittagessen angeboten, auch sämtliche Unterrichtsmaterialien sind gratis. Zu den Selbstverständlichkeiten im Lande des Handy-Riesen Nokia, das 1995 Finnlands Entwicklung zur Kommunikationsgesellschaft zum Staatsziel machte, gehört die frühe Heranführung an die Arbeit mit dem Computer. So sind in der Hauptstadt Helsinki sämtliche 185 Schulen vernetzt, und jedem Schüler wird ein Computer zur Verfügung gestellt.

Eifrige Zeitungsleser

Traditionell kommt außerdem der Sprachausbildung große Bedeutung zu. In Finnland, dessen Einwohner weltweit zu den fleißigsten Buch- und Zeitungslesern gehören, sind zwei Fremdsprachen obligatorisch: Englisch und die zweite Landessprache Schwedisch für die Finnen sowie Finnisch für die schwedischsprachige Minderheit. Der Englischunterricht beginnt spätestens in der dritten Klasse. Nach der neunjährigen Gesamtschule setzt etwa die Hälfte der Schüler die Ausbildung an einem dreijährigen Gymnasium fort, eine weitere Hälfte besucht eine berufsbildende Schule.

Der Unterricht am Gymnasium, für dessen Besuch gute Leistungen in der Gesamtschule Voraussetzung sind, erfolgt nicht in Klassen, sondern in Kursen, von denen mindestens 45 der zumindest 75 angebotenen obligatorisch sind. Das Gymnasium wird mit einem landesweiten Abitur abgeschlossen.

Angesehene Pädagogen

Schüler, Lehrer und Eltern loben am finnischen Schulsystem eine Atmosphäre, die der vielfach spielerischen, streitbaren Wissensvermittlung den Vorrang vor dem in Skandinavien allgemein verpönten "Blendwerk" - in diesem Fall dem Protzen mit kurzzeitig angelesenem und zum rechten Zeitpunkt reproduziertem Wissen - gibt.

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch der hohe Status des Lehrerberufs. So müssen die Pädagogen eine anspruchsvolle, mindestens sechs Jahre dauernde Universitätsausbildung durchlaufen, und von den jährlich 6000 Bewerbern für die Ausbildung zum Klassenlehrer für die Klassen eins bis sechs wird nur jeder Zehnte angenommen.

von Standard-Korrespondentin Anne Rentzsch
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