Start für das "Great Game" in Zentralasien

18. Jänner 2002, 18:00
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Antitalibankoalition zwischen Teheran und Washington zerbricht

Teheran/Washington/Wien - Die nach dem 11. September ohne viel Aufhebens geschlossene amerikanisch-iranische Antiterror- oder besser Antitalibankoalition (die den USA immerhin die Benützung iranischen Territoriums für Truppenbergungsmissionen erlaubte) geht langsam den Bach herunter. Fast täglich sind aus Washington "besorgte" Stimmen zu hören, die darauf hinweisen, dass Teheran in Afghanistan seine eigene politische Agenda verfolgt und die neue Interimsregierung zu destabilisieren versucht. Außerdem wird Iran beschuldigt, Al-Qa'ida-Kämpfer aufgenommen zu haben.

Und plötzlich ist auch wieder die potenzielle Bedrohung durch mit russischer Hilfe gebaute iranische Langstreckenraketen ein Thema für die US- Medien: Unter der Clinton- Administration war ein geplanter "Iran Missile Proliferation Sanctions Act" dem Wunsch nach guten Beziehungen zu Moskau zum Opfer gefallen.

Teheran weist alle Beschuldigungen zurück

Teheran weist alle Beschuldigungen zurück, verweist auf die historische Feindschaft der Iraner gegenüber den sunnitischen, antischiitischen Taliban und ihren arabischen Waffenbrüdern und beklagt "zionistischen" Einfluss in Washington. Tatsächlich haben sich die Beziehungen nach dem Auffliegen des offensichtlich für die Palästinenser bestimmten Waffenschmuggelschiffs "Karina A" beträchtlich verschlechtert, allgemeine Meinung in Israel und den USA ist, dass die Absender in Iran sitzen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt zerbricht der fragile Konsens über die Terrorismusbekämpfung zwischen Washington und Teheran. Iran sieht in libanesischer Hisbollah und palästinensischer Hamas keine Terror-, sondern Widerstandsorganisationen, die für die Befreiung ihrer von den Israelis besetzten Gebiete kämpfen (auch wenn es im Fall der Hisbollah nur mehr ein Zipfel Erde ist, der nach UNO-Expertise nicht Libanon, sondern Syrien gehört). Dass Israel keine iranischen Langstreckenraketen auf sich gerichtet haben will und auch nicht, dass Iran in den Besitz von Atomwaffen kommt, ist allzu verständlich (weswegen dem iranischen AKW Bushehr das gleiche Schicksal drohen könnte wie dem irakischen Reaktor Osirak, er wurde 1981 bei einem israelischen Angriff zerstört).

Aber in Afghanistan geht es um anderes, auch die Vermutung, Iran habe Angst, dass der Nachbarstaat in Zukunft nicht islamisch genug sein könnte, ist zu kurz gegriffen. Iran mischt in Westafghanistan traditionell mit und hat dort auch wirtschaftliche (der Wiederaufbau!) Interessen; auf dem Petersberg versuchte man dem durch die Aufnahme von Mir Wais Sadeq, des Sohnes des dem Iran zugerechneten Gouverneurs von Herat, Ismail Khan, Rechnung zu tragen. Offensichtlich ist jedoch Teheran trotzdem der Meinung, dass die afghanische Interimsregierung zu US- freundlich ist - was weiter kein Wunder wäre, wenn sich das Gerücht bestätigen würde, dass Regierungschef Hamid Karsai früher einmal in engem Kontakt zur US-amerikanischen Ölfirma Unocal gestanden ist, die noch zu Taliban- Zeiten eine Pipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan bauen wollte, unter Umgehung Irans.

Beunruhigen müssen Teheran auch in Moskau aufgetauchte Meldungen, dass die usbekische Regierung den USA den Militärstützpunkt Khanabad für mindestens 25 Jahre zur Verfügung stellen will, auch in Kirgistan sind die Amerikaner offensichtlich unbefristet willkommen. Das neue "Great Game" in Zentralasien hat soeben begonnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 19.1./20.1.2002)

Der Konsens zwischen Washington und Teheran, dass das Ende der Taliban gut für Afghanistan und die ganze Region sei, hat sich überlebt, die Töne werden wieder schärfer. Dabei geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen.

Von Gudrun Harrer

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