Don Pedro von La Mancha

18. Jänner 2002, 20:48
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In einem Großroman stellt Peter Handke Erzählung gegen Geschichte.

Gibt es Gründe, Peter Handkes neuen Roman zu lesen? - Vielleicht zwei. Einen positiven und einen negativen, wobei die fragende Suche, worin ein großes Unternehmen scheitert, ja spannender ist als das unkonzentrierte Nicken bei glattem Gelingen.

Positiv: Der passagenweise immer wieder glückende, ausschwingende Rhythmus von Sätzen und Perioden, eine tastende Offenheit, die das Kreisen, das Stocken und das Wiederaufnehmen von Bewegung oft schön spiegelt. Negativ: Die massive Privatideologie schüttet die erzählend eroberte Freiheit wieder zu.

Obwohl im Buch sehr viel gegangen, gefahren, in karger spanischer Hochgebirgslandschaft gesehen gerochen und getastet wird, ist Handkes Roman ja nicht, wie die Verlagswerbung es gerne hätte, ein "Reisebuch", zumindest nicht im populären Sinn (eher schon in demjenigen des auf Reisen skrupulös nach innerem Halt suchenden romantischen Taugenichts): Deshalb geschieht, was den "Inhalt" betrifft, sehr wenig (das war schon in Langsame Heimkehr 1979 so - und mit der Kompromisslosigkeit darin verlor der einstige Erfolgsautor auch viele Leser, was für seine kompromisslose Literatur-Hingabe zeugt).

Das zunächst "Unspannende", relativ "Inhaltsleere" in Der Bildverlust. Durch die Sierra de Gredos, wird viele gleich abschrecken, ist aber vom Literarischen her eine Leistung: Handke konstruiert eine sehr künstliche Situation, die dennoch ein Netz für Einzelepisoden schafft und mit der er vor allem die vielfache Brechung und Vermitteltheit von Weltwahrnehmung formal deutlich machen kann. Das geht hier "inhaltlich" so:

Eine erfolgreiche Bankerin aus einer "nordwestlichen Hafenstadt" (weiß der Teufel, welche) möchte ihre inneren "Bilder" im Sinne von die Welt korrigierender Glückserfahrung bewahren, indem sie diese Glücksbilder - nein, nicht in einen Safe sperrt, sondern als einen Sprach-Schatz anlegt, in Gestalt einer Erzählung: Und dazu beauftragt sie den Dichter. Beide schließen einen Vertrag und treffen sich auf der spanischen Hochebene der Sierra de Gredos, wo sie ihm ihre Erlebnisse übermittelt, und dieser sie ihr erzählend wieder vermittelt, "ihr anderes, nichtoffizielles Leben": Vom formalen "Setting" her ist hier also nichts simpel "unmittelbar".

Das hat freilich auch ein wenig von einer über das Bankwesen und den Lieferantenvertrag säkularisierten Prophetenberufung. Dagegen spricht allerdings erstens, dass viele Propheten nach ihrer Erwählung vorerst erschrocken verstummten, was dieser Erzähler offensichtlich (der Roman hat 759 Seiten) nicht macht. Zweitens aber führt Peter Handke eine schöne, endlich einmal ganz unreligiöse, Ironie ein: Um die Sierra erstreckt sich La Mancha, die Romanheimat des "Ritters von der traurigen Gestalt", Don Quichote. Er, der über Romanlektüre den Blick auf "Fakten" der (auch politischen) Welt verliert, begleitet im Sub-Text diesen Erzähler. Auch in dessen Verspottetwerden von der "Welt" (ein feiner Kommentar des Autors Handke zur feindseligen Haltung ihm gegenüber, nach seinen Ästhetik über Politik stellenden, "faktenblinden", Jugoslawien-Texten).

Soweit, so kompliziert. Aber dann wird es einfach. Leider. Auf mehreren Ebenen, literarisch und weltanschaulich. Die erste Frage: Was sind das für "Bilder", deren "Bildverlust" befürchtet wird? Das zu wissen ist wichtig, denn die Eroberung von Bildern und deren Verlust sind das zentrale Thema dieses Groß-Textes, und auf dieser Ebene sollte er gelesen werden. So ernst genommen auch: Denn es ist nicht eine Weltflucht in die Sierra, die Peter Handke hier betreibt. Sondern ganz im Gegenteil: Die Sierra wird ihm selbst zu einer (klobig-verschwommenen) Allegorie auf Serbien, geraunt wird von einer "Vorkriegszeit". Und als Gegenprogramm dazu werden die "Bilder" beschworen und in Erzählpassagen in vierzig Kapiteln durchgespielt. Auf dieser Ebene ist dieses Buch auf den zweiten Blick auch spannend (auf den ersten, schlief ich, immer wieder, ein: heilende Kraft von Literatur).

Was sind also diese "Bilder", die eine neue Ethik gründen sollen? Nun, das ist nicht genauer zu erfahren. - Nein, das ist jetzt zu undifferenziert. Es wird im Buch sehr wohl, wenn auch nur in Beispielen und ohne Theorie, gesagt, was diese Bilderfahrung ist. Ganz überzeugend ist die Predigt aber nicht, eben weil die Theorie fehlt und die Empirie dann in der Luft hängt (Kant: Begriffe ohne Anschauungen sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind hohl).

Gesagt wird: Die Erfahrung von "Bildern" sei "öffnend", friedenstiftend, schützend. Das heißt: sie haben - als "Friedensbilder" - eine ethische Funktion. Deshalb fordert dieses Buch solche Bilder auch als Gegenprogramm in einer Epoche der Gewalt (gemeint ist: unsere): Wie sieht nun das Gegenprogramm solcher "Bilder" - die explizit den falschen Medienbildern entgegengehalten werden - aus?

Beispiele für solche Bild-Erfahrungen: "Da, ein leerer Sandspielplatz neben einem Kanal von Gent, und der Feind war kein Feind mehr." Oder die - blitzhafte, nicht gesteuerte - Erinnerung an "Quitten, seinerzeit in dem wendischen Dorf" der Kindheit. Oder: "Das tintige Leuchten des Asphalts und das Blau der Oliven an den Südhängen der Sierra", desgleichen "ein Bergpfad in den Rocky Mountains von Montana". Oder: "Ein versprengtes Rehkitz, triefnasses Fell im Sturzregen". Oder auch: "Dass heutigentags zwischendurch einmal gar nichts passierte: welch Ereignis." Oder - schön und leitmotivisch über den Roman hin verteilt - auch einschießende Sprach-Brocken aus fremden Sprachen (leitmotivisch: Arabisch, aber auch slawische, berberische, kastellanische Sprachsplitter).

Es ist jetzt nicht so, dass Peter Handke solche Bilder nicht immer wieder genau evozieren und auch erzählen könnte: Das konnte er früh schon, seit den Pariser Erweckungserlebnissen (ein zerbrochener Spiegel, eine Haarspange) in Die Stunde der wahren Empfindung (1975). Außerdem bilden Epiphanie-Erlebnisse seit Joyce auch einen Bestand der Moderne, Handke steht hier also in übermächtiger Tradition. Das Problem ist nur, dass er auf solchen Einzelerlebnissen eine Gegen-Gesellschaft gründen möchte. Eine Gegen-Welt. Das Problem ist, dass diese - anders als in geglückteren Handke-Texten - ziemlich vage bleibt. Und tiefere Probleme versteckt in sich birgt. Das von Intoleranz etwa:

Einzig "kraft des offenen und öffnenden Bildes gehörten die Menschen zusammen", wird verkündet. Pech, wenn sie das in der schnöden Wirklichkeit nicht tun. Da ist es dann zwar eine gute, fast skurril-witzige, Protesthandlung, sich - wie der Autor Peter Handke 1996 in Novi Sad - einen Pilzführer in kyrillischer Sprache zu kaufen, aber sie bleibt doch bockig-individuell.

Erzählt werden in diesem Roman - und das ist, in solchem Umfang, neu - nicht von intensiven Freizeit-Sport-Wander-oder Alltagserlebnissen (all diese Schein-Erlebnisse lehnt die Bankfrau explizit und intelligent-witzig ab), sondern von Bild-Werdung. Und diese "Bilder sollen eine neue Gesellschaft begründen, "wo jeder in Distanz" leben kann.

Aber lässt sich auf Erleuchtung von Einzelnen (noch kritischer: von Eliten) eine Ethik für alle gründen? In seinem bedeutenden Cézanne-Buch Die Lehre der St. Victoire hatte Peter Handke 1980 die Bild- und Epiphanieerlebnisse noch doppelt zurückgebunden, an die Malerei und an die, den Reisenden begleitende, Ethik des Baruch Spinoza. So wurde es intersubjektiv. Jetzt aber sind es Einzelerlebnisse. An denen sich bitte alle orientieren mögen.

Im Positiven ist das ein schöner Wunsch. Im Negativen steckt darin Autoritäres, wie sie dieser Autor gerade in seinem Literatur- und Erzählverständnis so vehement ablehnt. Es ist eigenartig: Der Erzähler in Der Bildverlust spricht so viel von Offenheit, Freiheit, Öffnung. Aber Alternativen lässt er nicht zu. Andere Wege als die Bilder-Pilgerfahrt werden streng als "nicht-erzählerische" abgetan: Keine Ratio, nur die Erzählung, meint Handke, sei frei von Manipulation. Und er erzählt ja auch, in den gelungensten Passagen, einige schwebende Erlebnisse (aber auch viele unschwebende): Wenn etwa, mitten über die Sierra hin, eine Gedenk-Prozession an den Habsburger Karl V. zelebriert wird - ein Bild der Macht, und eines der Bilder, die Handke, erzählerisch unterwandert. Aber das Zerstören von falschen Bildern ist noch nicht die Zerschlagung von Macht. Und: Die besessene Forderung nach freier Erzählung kann für andere auch ganz schön unfrei werden. Nämlich: Ist nicht auch das Denken frei? Hoffentlich. Noch.

( Von Richard Reichensperger - DER STANDARD; ALBUM, 19.1.2002)>/I>

Peter Handke, Der Bildverlust oder durch die Sierra de Gredos. EURO29,90/öS 411,-/759 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002. Ab 21. 1. im Handel

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