Job sichern statt Risiko der Weiterbildung

18. Jänner 2002, 12:10
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Bildungskarenz wird unter den derzeitigen Bedingungen des Arbeitsmarktes noch unattraktiver für Arbeitnehmer, warnen Experten.

Wien - "Niemand traut sich, jetzt seinen Arbeitsplatz aufs Spiel zu setzen." Nicht, um sich während einer längeren Bildungskarenz neue Wissensgebiete zu erschließen. Die derzeitige angespannte Situation am Arbeitsmarkt erlaube das nicht, glaubt Franz Josef Lackinger, ÖGB-Vertreter in der "Konferenz für Erwachsenenbildung", in der sich Bildungseinrichtungen in Österreich zusammengeschlossen haben. Auch beim Arbeitsmarktservice (AMS) teilt man diese Einschätzung, "obwohl sie statistisch noch nicht erfasst ist", ergänzt Beate Sprenger. Auch sie erwartet, dass die Zahl jener, die sich eine Auszeit vom Beruf zugunsten des Lernens gönnen, weiter sinken wird.

Rückläufig

Nach den derzeit verfügbaren Daten des AMS Österreich haben bis September 2001 genau 2207 Männer und Frauen die Bildungskarenz in Anspruch genommen. Davon waren mehr als 90 Prozent Frauen. Die meisten von ihnen haben sich gleich nach der Babypause in die Weiterbildung gestürzt - vor allem, um "sich weiterhin zu Hause um die Kinder kümmern zu können", wie Gewerkschafter Lackinger anmerkt.

Im Jahr 2000 waren es noch deutlich mehr, die das Bildungsangebot in Absprache mit ihrem Dienstgeber genützt haben: 3500 Personen. Für sie hat das AMS damals inklusive Kranken- und Unfallversicherungsbeiträge 19,1 Mio. Euro (262 Mio. Schilling) bezahlt.

Wenn die Zahlen der Inanspruchnahme weiterhin stark zurückgehen, ist dann das Bildungskarenzmodell gescheitert? "Vom Modell her ja, vom Ansatz her nein." Franz Josef Lackinger will an dieser Form der Erwachsenenbildung festhalten. Noch dazu, weil seit Jahren das "lebenslange Lernen" von der EU-Ebene abwärts bis in alle Städte propagiert werde.

Aber die Rahmenbedingungen müssten sich ändern, das heißt finanziell attraktiv werden für Bezieher und Arbeitgeber. Und nicht zur "Falle" für Frauen werden: Vordergründig seien diese nach der Mutterkarenz durch anschließende Bildungskarenz abgesichert gewesen (das war bis Ende des Jahres 2000 möglich). "Doch in Wahrheit waren sie damit für drei Jahre aus dem Arbeitsprozess draußen." Und konnten nur schwer am Arbeitsmarkt wieder unterkommen.

Als Chance für Wiedereinsteiger und -einsteigerinnen betrachtet es Lackinger, dass es nach "meiner Gesetzesinterpretation" erlaubt sei, Kindergeld und Bildungskarenz gleichzeitig zu beziehen. Das bedeutet mehr Geld, nämlich 436 Euro Kindergeld und noch einmal so viel pro Monat für die Weiterbildung (Tagsatz 14 Euro). "So ist das wesentlich attraktiver", ist Lackinger überzeugt. Außerdem dürfe man zum Kindergeld dazuverdienen.

Ganzheitlich bilden

Im Verband der Volkshochschulen, sie bieten neben dem Wirtschafts- und dem Berufsförderungsinstitut (Wifi und bfi) die meisten Erwachsenenbildungsangebote, ist Generalsekretär Wilhelm Filla besorgt, weil "nur mehr Bildung zählt, die sofort ökonomisch und beruflich verwertbar ist". Er sieht vernachlässigt "was es heißt, sich wohl zu fühlen". Das hieße auch, Kursangebote beispielsweise zur Persönlichkeitsbildung oder aus dem Gesundheitsbereich stärker fördern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Andrea Waldbrunner)

Weiter Informationen:
www.erwachsenenbildung.at

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