"Abtreibungen im siebten Monat waren keine Seltenheit"

18. Jänner 2002, 09:42
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Studie: Mehr als die Hälfte der ZwangsarbeiterInnen in Oberösterreich waren Frauen

Linz - Mehr als die Hälfte der ZwangsarbeiterInnen in Oberösterreich waren Frauen. Dies geht aus Studien hervor, die die Linzer Universitätsprofessorin Gabriella Hauch bei einem Symposion zum Thema "Industrie und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" am Freitag in Linz präsentierte. Die Deportation von Frauen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion zum "Arbeitseinsatz" begann 1942. Auffallend sei die hohe Zahl an Abtreibungen unter den Zwangsarbeiterinnen in den Industriegebieten: Insgesamt konnten bisher 972 Abtreibungen in "Oberdonau" nachgewiesen werden.

Haushalt, Landwirtschaft, Industrie

1943 waren insgesamt 34.000 ZwangsarbeiterInnen - hauptsächlich aus der Sowjetunion - in Oberösterreich "beschäftigt". 51 Prozent davon waren Frauen. Die meisten von ihnen arbeiteten in Haushalten und in der Landwirtschaft. Einige waren aber auch in der Industrie "tätig". Die größte Gruppe machte die "Ostarbeiterinnen" - wie die Frauen aus der Sowjetunion bezeichnet wurden - aus.

Abtreibungsverbote gelockert

Sie befanden sich - nach Juden und "Zigeunern" - auf der untersten Stufe der rassistischen NS-Hierarchie, berichtete Hauch. Im März 1943 wurden die Abtreibungsverbote für Ostarbeiterinnen gelockert. "Eklatant" sei das Zahlenverhältnis von Abtreibungen und Geburten bei Zwangsarbeiterinnen in den Hermann Göring-Werken in Linz. Von 1943 bis zu Beginn des Jahres 1945 standen 37 Geburten 117 Abtreibungen gegenüber. Viele Frauen wurden sogar noch im siebenten Schwangerschaftsmonat in die Landesfrauenklinik und ins AKH "eingeliefert", dokumentierte Hauch.

Kinder, die von Zwangsarbeiterinnen zur Welt gebracht wurden, wurden in so genannten "fremdvölkischen Säuglingsheimen" - offizieller Sprachgebrauch "Ausländerkinderpflegestätten" - untergebracht. Die Sterblichkeit in diesen Heimen lag zwischen 40 und 80 Prozent.

In der damals von den Nazis kontrollierten Linzer Landesfrauenklinik wurden die Frauen in einer "Ostarbeiterbaracke" untergebracht und zu "Übungszwecken" in der Medizin missbraucht. So wurden etwa Hebammen an "rassistisch Minderwertigen" ausgebildet. "Nachdem Abtreibungen im sechsten und siebenten Schwangerschaftsmonat keine Seltenheit waren, erübrigt sich jegliche Diskussion um Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung der betroffenen Frauen", unterstrich Hauch. (APA)

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