Norditalien: Kein Wasser für die Schneekanonen

17. Jänner 2002, 22:02
posten

Fremdenverkehr und Landwirtschaft leiden unter der Trockenheit

Seit Wochen liegt sein Boot im Sand. "Una follía" (ein Wahnsinn), sagt Delmo Barella kopf-schüttelnd und schaut resigniert auf das, was vom Po übrig ist: ein Rinnsal. Der Bootsmann aus Polesine Parmense kennt den Fluss wie kaum ein anderer. "Das war noch nie da. Auch in den heißesten Sommern nicht."

Auch Barellas Eltern vermögen sich an keine vergleichbare Trockenheit zu erinnern. 14 Monate nach dem schlimmsten Hochwasser seit Menschengedenken ist der Strom zu einem harmlosen Wasserlauf verkommen. An der Meßstelle in Colorno, wo der normale Wasserstand acht Meter beträgt, liegt der Pegel bei 1,30 Meter. Die Schifffahrt ist eingestellt. Im Flussbett tol-len Kinder auf dem getrockneten Schlamm.

Norditalien leidet unter quälender Trockenheit. Von Piemont bis Friaul warten die Bewohner seit drei Monaten vergeblich auf Niederschläge. In Mailand wurden im Herbst 30 Millimeter Regen verzeich- net - kaum ein Viertel der üblichen Menge. Flüsse und Seen trocknen zunehmend aus: Der Wasserstand des Lago Maggiore sinkt um einen Zentimeter täglich, am Gardasee muss der Schiffsverkehr eingeschränkt werden.

E-Werke abgeschaltet

Das Flussbett des Ticino ist trocken, am Mincio mussten zwei E-Werke abgeschaltet werden. In Biella am Fuß der piemontesischen Alpen kann die Wasserversorgung in vielen Gemeinden nur durch Tankwagen gesichert werden. In der Landwirtschaft werden schwere Schäden befürchtet. Die Weinbauern im Hügelland der Langhe um Barolo bangen um ihre Reben. In Turin, wo es seit 16. Oktober nicht mehr geregnet hat, erreichten die Schadstoffe in der Luft neue Rekordwerte. In der Lombardei musste der private Autoverkehr wegen derartiger Schadstoffzunahme drastisch reduziert werden.

Die italienischen Alpen sind über weite Teile ohne Schnee. Auch die Fremdenverkehrswirtschaft befürchtet schwere Einbußen, die Kosten für die Beschneiung der Pisten sind extrem hoch. Allein im Trentino wurden dafür rund acht Millionen Euro (mehr als 110 Millionen Schilling) ausgegeben. In vielen Skigebieten können die Schneekanonen wegen der Trockenheit nicht mehr eingesetzt werden. "Es herrscht Alarmstimmung", gesteht Ovidio Mugnai, Präsident der piemontesischen Hoteliervereinigung.

Zudem erhöht die Trockenheit die Waldbrandgefahr. Mehr als 70 Brände zerstörten in der Lombardei Hunderte Hektar Wald. Die Feuerwehr war weitgehend machtlos. Wegen der Trockenheit und der ungewöhnlichen Kälte fehlte das nötige Löschwasser. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD Print-Ausgabe 18.1.2002)

Share if you care.