Wenigstens ER lässt seiner nicht spotten

22. Jänner 2002, 18:30
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18. Jänner 2002

Die besten Gründe, das Volksbegehren gegen Temelín zu unterschreiben - auch nicht schlechter als die der fünf Staatspreisträger am Dienstag in der "Kronen Zeitung" - kamen einen Tag später aus der Tierecke des Blattes. "Ich unterschreibe, denn Tiere kennen keine Politik", gab die Tiertante ihrem Publikum zu verstehen, dass ihre Kenntnis von Politik animalische Maßstäbe nicht zu scheuen braucht. Obwohl man eigentlich annehmen sollte, jeder räudige Straßenköter wäre über eine Instinktlosigkeit wie diese erhaben: "Hier geht es nicht um Politik, sondern um unser aller Zukunft" - weiß er doch aus Erfahrung, dass zwischen dem einen und dem anderen ein gewisser Zusammenhang besteht, der sich auch durch ein noch so gefühlvolles "Such 's Apportel!" nicht vergessen machen lässt.

Aber wenn Dichand befiehlt, das Denken einzustellen, kann es für das Humanpersonal der "Krone" nur eine Parole geben: Cato befiehl, wir folgen! Eigentlich geht es auch um mehr als um eine Unterschrift, nämlich nicht um Parteien, sondern um den Aufschrei gegen eine drohende Katastrophe! Wieso nur gegen eine Katastrophe, wo Österreich doch seit Jahren von Atomkraftwerken umgeben ist, ohne dass Frau Entenfellner in Verantwortung, besonders den Tieren gegenüber, die uns Liebe und Nutzen bringen in zoophiles Dauerkreischen verfallen wäre. Sollte das vielleicht etwas mit Politik zu tun haben?

Eher über die historische als über die zoologische Schiene versuchte es der alte Waldheim-Kumpel Prof. Kurt Dieman-Dichtl. Um einen Vergleich nie verlegen, enthüllte er Parallelen zwischen den Jahren 1938 und 2002. Damals stand Österreich im verlorenen Abwehrkampf gegen die Bedrohung durch Hitler-Deutschland: Heute steht Österreich im durchaus noch nicht verlorenen Abwehrkampf gegen die atomare Bedrohung durch das tschechische Atomkraftwerk, den Schrottmeiler von Temelín! Das laufende Volksbegehren gegen diese Bedrohung ist eine rot-weiß-rote Angelegenheit, sonst nichts, denn es geht um Leben und Tod von möglicherweise Hunderttausenden Österreicherinnen und Österreichern, ihr Land und ihre Nachkommenschaft, über Generationen hinaus!

Damit hat er sich den begehrten Hans Dichand-Preis für den hinkendsten Vergleich der Zeitgeschichte verdient, und das schon deshalb, weil 1938 viele Österreicher, zuviele, Österreich als Schrott und Hitler-Deutschland als ihre Erlösung betrachteten, und auch sofort eifrig mithalfen, wo es darum ging, den Tod von Hunderttausenden Österreicherinnen und Österreichern, ihr Land und ihre Nachkommenschaft, über Generationen hinaus herbeizuführen, wovon heute gerade diejenigen nichts wissen wollen, die die österreichische Nation zwar für eine Missgeburt halten, aber ohne an den alten Euthanasieprogrammen zu hängen sie durchaus vor ihren Karren spannen, wenn 's Stimmen bringen könnte.

Konsequent wie er ist, stellt Dieman-Dichtl dem heutigen Bundeskanzler ein ähnliches Zeugnis aus, wie es der damalige erhielt. Lassen wir uns nicht von der Enzyklika eines unheiligen Wolfgang verwirren, der das "Rot-Weiß-Rot" in Melk und Brüssel verraten hat und der nur noch an einen Gott in dreifaltiger Erscheinung zu glauben scheint: an die EU, an die Osterweiterung und an die Atomkraft. Um endlich zu dem Schluss zu kommen, mit dem er sich seine Kolumne in der "Krone" für alle Zeiten sicherte, in denen Dichand Die Frau von nebenan noch eigenhändig ins Blatt grapscht: Das Anti-Temelíin-Volksbegehren ist eine große Chance, die Österreich 1938 nicht mehr hatte! Das ist auch der Grund, warum ständig die narkotisierende Behauptung her muss: Das Anti-Temelín-Volksbegehren ist keine "blaue" Parteisache, wer das verbreitet, hat von der Stimmung im Volk keinen blauen Dunst! Oder höchstens so viel wie von der Stimmung im Volk, das sich am 15. März 1938 zum Abwehrkampf auf dem Heldenplatz einfand.

Da lobt man sich die maßvollen Worte, die Weihbischof Laun in Mölzers "Zur Zeit" zum Thema fand. Wenn sich die Welt Gott zuwendet, werden wir Lösungen finden, mit oder ohne Atomkraftwerke. Wenn nicht - mit oder ohne Volksbegehren -, werden wir den Folgen der Gottlosigkeit nicht entkommen - in Form eines Supergaus oder neuer Terror-Anschläge? Gott ist langmütig, aber auch im 21. Jahrhundert wird Er seiner nicht spotten lassen.

Recht hat er. Jetzt muss er nur noch Jörg Haider überzeugen. Die Offenheit für beide mögliche Standpunkte schließt weder Überzeugung noch Einsatz aus, enthält sich Laun eines bischöflichen Machtwortes. Bezüglich eines Atomkraftwerkes heißt das: Der Christ muß sich nach den Regeln der Moral ein Urteil bilden, aber dann muß er selbständig entscheiden, ohne daß ihm der Bischof kraft seiner Autorität sagen könnte, ob er sachlich richtig entschieden hat oder nicht.

Wie bescheiden ist doch heute die Autorität eines Bischofs im Vergleich zur Autorität eines Dichand!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.1.2002)

Von Günter Traxler
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