Johannes Kyrle, Manager des Außenamts in mageren Zeiten - Von Christoph Winder

17. Jänner 2002, 20:13
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Die glamouröse Aura, von der das diplomatische Metier in früheren Epochen (Wiener Kongress!) umgeben war, hat sich weitgehend verflüchtigt. Die europäische Integration, ein reger Kongresstourismus und das Internet sorgen dafür, dass Politiker und Ministerialbeamte einander über die Grenzen hinweg näher gerückt sind und die Kommunikation auch ohne Zwischenschaltung einer diplomatischen Kaste funktioniert. Der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Hans-Peter Martin ging vor einigen Jahren sogar so weit, gleich die Schließung aller österreichischen Botschaften in der EU ("peinlicher Pomp") zu fordern.

So wandeln sich Berufsbilder. Wenn man sich an Johannes Kyrle, den neuen Generalsekretär des Außenamtes, hält, dann werden Diplomaten künftig die "Manager der Globalisierung" sein - was offenbar weniger an peinlichen Pomp, sondern an privatwirtschaftliche Schnittigkeit und den gewandten Umgang mit knappen Finanzressourcen denken lassen soll. Den wird Kyrle sicher brauchen: Mit einem Budget von 2,48 Milliarden Schilling, so gab Kyrle bei seiner Antrittspressekonferenz zu verstehen, sei derzeit auch am Ballhausplatz Schmalhans Küchenmeister.

Kyrle, 1948 als Enkel des späteren Bundespräsidenten Adolf Schärf in Wien geboren, absolvierte zunächst das Jusstudium. Von 1975 an diente der parteipolitisch nicht punzierte Diplomat unter acht Ministern unterschiedlicher Couleur, zuletzt war er Protokollchef. Dass sich Kyrle in der Generalsekretärs-Kür gegen eine Reihe hoch qualifizierter Mitbewerber durchgesetzt hat, soll seinen Organisationsqualitäten, die beim Umzug des Außenamtes in die Herrengasse gebraucht werden, geschuldet sein. Mit dieser Deutung des Karrieresprungs gab sich nicht jedermann zufrieden. Profil meinte drastisch, der "farblose Diplomat" sei nur aufgerückt, weil "Ferrero-Waldner nicht den Wunschkandidaten Wolfgang Schüssels, dessen Kabinettschef Wolfgang Loibl, an die Schaltstelle lassen wollte". Profil bleibt freilich die Erklärung schuldig, warum die Außenministerin ihre Besetzungspolitik lediglich aus dem Impuls betreiben sollte, den Kanzler zu frustrieren.

Im Außenamt ist der Vater dreier Kinder eine populäre Wahl. Im Gegensatz zu Vorgänger Albert Rohan scheint Kyrle, Manager hin oder her, sein Amt in klassischer Beamtenmanier anlegen zu wollen, die "Formulierung" politischer Leitlinien sei seine Sache nicht, sondern deren "Umsetzung" - was er bewies, indem er sich in den Querelen Prag-Wien demonstrativ hinter seine Ressortchefin stellte. Weiteres Ziel: im Zuge der EU-Erweiterung zur "Mitte- und Mittlerposition Österreichs" zurückzufinden. In einer Zeit, da zwischen Prag und Wien die Fetzen fliegen, ein recht ehrgeiziges Ansinnen.
(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 18. 01. 2002)

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