Illusion freier Wille

17. Jänner 2002, 20:08
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Hirnforscher und Theologen streiten über Ursprung des Handelns

Graz - Jemand trinkt eine Tasse Kaffee. "Wenn er glaubt, er hätte sich bewusst dazu entschieden, ist das eine Illusion", meint der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth, "Willensfreiheit im subjektivem Empfindungssinne gibt es nicht."

Wenn wir Kaffee riechen, entstehe im Unbewussten der Wunsch, Kaffee zu trinken, und dieser Wunsch dringe in unser Bewusstsein. Das könne zwar Überlegungen wie: "Zu viel Koffein ist ungesund" anstellen, aber die Letztentscheidung falle im Unbewussten.

Seit wenigen Jahren können Forscher dem Gehirn beim Denken "zusehen". Methoden wie die Positronen-Emmissions-Tomographie (PET) zeigen millimetergenau, welche Hirnregionen aktiv werden, wenn jemand stumm Sätze formuliert, bestimmte Handlungen plant oder träumt.

Bereits Anfang der Achtzigerjahre zeigte der Neurophysiologe Benjamin Libet, dass im Gehirn eine neuronale Aktivität einsetzt (das "Bereitschaftspotenzial"), noch bevor der Mensch sich eines Entschlusses bewusst wird. Der Wille zur Handlung keimt offenbar erst, wenn diese schon eingeleitet ist.

Kleines Loch Freiheit

Ist also unser bewusstes Ich gar nicht für unsere Taten verantwortlich? "Persönliche Schuld, Strafe und Buße sind völlig inakzeptable theologische Begriffe", so Roth gegenüber dem STANDARD. "Wen wollen sie bestrafen, das subjektive Ich?" Das könne nichts dafür, wenn jemand etwa eine Straftat begehe. Schuld sei das Unbewusste.

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff widerspricht vehement: "Der Naturwissenschafter kann mit seinen Methoden den Begriff der Schuld gar nicht wahrnehmen. Wenn er daraus folgert, es gäbe die Realität der menschlichen Schuld nicht, begeht er eine Kompetenzüberschreitung." Viele Neuroforscher sähen Freiheit als kleines Loch, verblieben in der Kette der lückenlosen Determination menschlichen Handelns. Für Schockenhoff ist Freiheit jedoch "die Fähigkeit, das Spiel der verschiedenen Determinanten zu durchschauen und zu steuern." Das Unbewusste repräsentiere unsere Erfahrungen vom Mutterleib bis heute, und es sei absolut vernünftig, dass es unser Handeln steuere, meint Hirnforscher und Buchautor Roth ("Fühlen, Denken, Handeln", Suhrkamp). Es gehe gar nicht darum, ob unser Wille frei ist, sondern ob wir das Gefühl haben, er sei frei: "Wenn jemand Kaffee trinken will, kann es ihm letztendlich egal sein, ob das Unbewusste ihm das angeschafft hat."

Ist die Selbstinterpretation des Geistes also nur eine nützliche Illusion? Theologe Schockenhoff: "Man muss zurückweisen, dass sich die Gehirnforschung als Platzanweiser auf dem Feld der Wissenschaften geriert, die bestimmt, welche Aussagen realen und welche nur illusionären Charakter haben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 1. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Kirsten Commenda

Symposion: Ende des freien Willens?

18. 1., 14 Uhr

Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz
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