Figuren am Stadtrand

17. Jänner 2002, 19:26
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Ilse Aichinger: Unglaubwürdige Reisen (8)

Randfiguren, die damit einverstanden wären, die Ränder nicht nur in Kauf nähmen, sondern sich auf sie zu bewegten, wie nähert man sich ihnen? - Man sollte sie wie Schlafwandler allein lassen auf dem Weg in die windigen, schäbigen Außenbezirke Wiens und in ihrer Sucht danach.

Und sind sie zu retten, wären sie es noch immer, sind sie erreichbar in Reisen, nicht durch den Raum, sondern durch die Zeit, Jahrzehnte zurück? Die Klavierspielerin, die jeden Nachmittag in den Kinos zwischen Fasangasse, Rennweg und Landstraße ihre Ängste kurz vergessen konnte: War ihre Überspanntheit - falls man Lust hat, es so zu nennen - gemäß, sorgfältig nach ihrem Maß geschnitten und probiert? Genügte dazu die Schneiderin, die aus der Zentagasse kam, viel zu wenig verlangte und immer sagte: "Komme ich über Gürtellinie und Fásangasse, werde ich bald in der Hohlweggasse sein." Beim Gedanken an sie tauchen gleich die nächsten Randfiguren auf, Statisten, unbeirrbare Existenzen, The- men für Flaubert, den sie sich nie träumen ließen. Aber vielleicht hätte gerade er Begriffe wie "Gürtellinie", "Zweierlinie" oder "Fasankino" der Küstennähe aussetzen können, den veralteten Seebädern, der Nähe des Atlantik, etwas freieren Ängsten. Bewahren hätte er sie kaum können, retten nicht.

Aber er hätte sich, so weit ich ihn kenne (und das heißt: keinesfalls weit genug), doch eine Weile lang mit ihnen aufgehalten, ihre Neurosen wenn nicht beruhigt, so doch sturmsicher gemacht, ihren Hang zum Kino, zu Tschaikovskij oder Bach in etwas glücklichere Bahnen gelenkt - unter einen gelasseneren Himmel. Normandie, ein Meerwind im dritten Bezirk.

Im Bücherschrank unserer Großmutter standen Berichte über den Aufstand der Niederlande, und ich blätterte darin, auch in schottischen Geistergeschichten. Geographie und Geschichte, zwei leicht verfälschbare Nebenfächer, gewannen exaktere Umrisse und nahmen die Züge schottischer Gespenstergeschichten an. Die Geister gesellten sich zu den Rebellen, und die schottischen Gespenster ließen an schottische High Teas mit Muffins denken und einem vielleicht dort doch erreichbaren offenen Feuer, das halbwegs wärmte, anders als die Kohlenöfen an der Wiener Peripherie.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 18.1.2002)
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