Eine Symphonie des Zitterns

17. Jänner 2002, 19:27
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Krise und Strategien der Klassik-Branche: Warum kann nicht immer 1. Jänner sein?

Die globale Pop-Tonträgerindustrie klagt über Umsatzrückgänge und fühlt sich durch Internet und privates CD-Brennen bedroht. Die Klassikbranche, seit Ende des CD-Booms in einer schwierigen Lage, ist nicht nur von diesen Problemen betroffen. Ihr Repertoire stagniert, Abhilfe sollen poppiges Marketing, Events und Crossover-Projekte schaffen.

Von Ljubisa Tosic


Wien - Jedes Mal startet die Klassikbranche exzellent in ein neues Jahr. Und betrachtet sie die lukrativen Nachbeben des diesjährigen Neujahrskonzertes der Philharmoniker unter Seiji Ozawa, könnte sie gar ein seltsamer Wunsch überkommen - warum kann nicht immer 1. Jänner sein? Schließlich ist die CD, die in Rekordzeit (sieben Tage später) veröffentlicht wurde, längst vergoldet, Nr. 1 in den Popcharts und gut unterwegs in Richtung Platin (40.000 Stück). Wenn es so weitergeht, könnte Maestro Ozawa mit dem Doppelplatin-Vorjahrsrekord von Nikolaus Harnoncourt gleichziehen.

In der Branche gilt das Neujahrskonzert als Idealfall eines gelungenen Marketingtimings. Event, TV-Promotion plus CD-Erscheinungstermin überlagern und ergänzen einander. Gewinnbringend. Der Alltag der Branche sieht indes seit Jahren anders aus, hat mit rückläufigen Verkaufszahlen zu kämpfen und fragt sich, ob das Schlimmste schon vorbei ist. Das Ende des CD-Booms, der die Branche einst vom stagnierenden LP-Markt erlöst hat, kostete auch Stardirigenten Exklusiverträge, hat zur Schließung von Firmen geführt und Fusionen ausgelöst. Projekte wie die Aufnahmen von Werken György Ligetis wurden mittendrin gestoppt; überhaupt wird insgesamt weitaus weniger produziert als früher.

Hatte man durch die CD das ganze Standardrepertoire noch einmal absetzen können, so war der Markt irgendwann gesättigt, und Billiglabels wie Naxos lehrten die Major Labels zusätzlich das Fürchten. Durch das Internet und die Möglichkeit, Musik herunterzuladen, erwächst eine neue Gefahr, die vor allem auch dem Pop zu schaffen macht. 2001 wurden etwa in Deutschland erstmals mehr CDs selbst gebrannt als gekauft. Der entwickelte Kopierschutz von Tonträgern ist noch nicht flächendeckend im Einsatz. Und wo doch, macht er die CDs aus technischen Gründen mitunter unspielbar. Konsumentenbeschwerden häufen sich jedenfalls.

Die nicht erfreulichen Zahlen: In Österreich gab es im 1. Halbjahr 2001 am Gesamtmarkt einen Umsatzrückgang von elf Prozent, in Deutschland sind es über zwölf Prozent. Mit 2,7 verkauften CDs pro Kopf ist Österreich weltweit noch unter den Top Ten. Seit Jahren ist nun für die Klassik, die in Österreich einen Marktanteil von zehn Prozent aufweist (USA: drei Prozent), der Begriff Crossover als Rettungsanker in Mode. Geiger wie Nigel Kennedy und Instrumentalkollegin Vanessa Mae verkaufen Klassik in schrillem Outfit oder vermitteln, in Meeresfluten badend, Popversionen von Vater Bach. Da trifft aber auch Clubbing auf Klassik. Und in der Abteilung Musik zum Träumen bieten Stehgeiger André Rieu und Schwiegermütter-Traumtenor Helmut Lotti Klassik-Lightversionen. Auch die Etablierten lassen nichts anbrennen: Luciano Pavarotti singt mit Sting, Anne-Sofie von Otter mit Elvis Costello.

Daneben gilt die Neuverpackung des ewigen Repertoires als Faktor der Verkaufssteigerung. Kuschelklassik-Compilations werden angeboten, und klassikfremde Promis wie Harald Schmidt (trifft Bach), Christoph Schlingensief (trifft Wagner) und Iris Berben (trifft Verdi) präsentieren ihre Wunschkonzert-CDs.

Allein, nicht jeder Crossover-Schmäh zieht. Waren die Drei Tenöre, die ihre Arien telegen an große Sportevents wie Fußball-WM koppeln, ein Erfolg, so floppten die Drei Soprane. Ein Künstler wie Andrea Bocelli wiederum, der mit tenoralem Klassikglanz lukrativ Schlager besingt, verkauft nicht sonderlich, wenn er sich einmal "altmodisch" eine Gesamtaufnahme von La Bohème gönnt. Auch Pavarotti and Friends wird übrigens nicht mehr auf CD gebannt.

Gut, dass es den Backkatalog gibt. Er ist die Basis des Geschäftes. Callas und Karajan sind immer noch ein wesentlicher Gewinnfaktor - Verkaufsphänomene wie Cecilia Bartoli, deren Neuerscheinungen auch mit aufwändigen TV-Spots gepuscht werden, tauchen nicht täglich auf. Und fraglich ist, ob man Jungspunden mittlerweile noch die Zeit geben würde, sich zu neuen Bartolis zu entwickeln.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 1. 2002)

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