Asbest allein hat RHI nicht krank gemacht

18. Jänner 2002, 18:40
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Experten: Befreiungsschlag von Schadensklagen ist möglich

Wien - Asbest hat den RHI- Konzern krank gemacht, die krebserregende Mineralfaser, die dem Feuerfestkonzern zuletzt eine Klagsflut beschert hatte, ist aber nicht allein Grund der Misere des Unternehmens. RHI könnte sich mit Hilfe des US-Unternehmensrechts gar von den Klagen freispielen, sagen US-Experten.

Das hängt mit dem Insolvenzrecht in Übersee zusammen. RHI hat Anfang Jänner Narco, eine der zwei Tochtergruppen in den USA, auf die Chapter-11-Liste geschickt und damit unter Gläubigerschutz gestellt. "Das passiert, wenn die Aktiva bei weitem geringer als die Passiva sind und kein Ausweg mehr gesehen wird", sagt John W. Garman, amerikanischer Anwalt in Wien.

Das Unternehmen komme vor den Konkursrichter. Der entscheide die Zahlung einer Quote an die Gläubiger, die damit einverstanden sein müssen. Sie müssen in einem vom Richter festgelegten Zeitraum klagen. Ist das Unternehmen nach Chapter 11 neu organisiert, können es laut Garman keine Klagen mehr gefährden. "Dann wird wieder von null gestartet", meint er.

Carl Alan Key, ebenfalls US- amerikanischer Anwalt in Wien, meint: "Das ist wie ein Spiel. Normalerweise benutzen Firmen Chapter 11 als Drohung, wenn Leute über Klagen Geld verdienen wollen."

Was heißt: RHI könnte neben Narco auch GIT unter Kuratel von Chapter 11 stellen, sich so des Asbestproblems ein für alle Mal entledigen und die beiden Gruppen selbst gewinnbringend weiterführen. Wenn das nicht passiert, dann wohl deshalb, weil das Geschäft bei den US-Töchtern nie so lief, wie es hätte laufen sollen.

Was die These jener untermauert, die von Anfang an gegen das US-Engagement waren. Das würde bedeuten: Die Werke waren zu alt, die Due Diligence zu schlampig - und die ersten Leute in Vorstand und Aufsichtsrat wären zur Verantwortung zu ziehen: also Walter Ressler, damals Vorstandsvorsitzender, und Friedrich Nemec, Aufsichtsratsvorsitzender. Sie sind heute Präsident respektive Vizepräsident des Aufsichtsrates.

Anders verhält sich das Ganze aber, wenn die US- Töchter wirklich nur durch die nicht vorherzusehende Flut an Schadensersatzklagen der Amerikaner in den wirtschaftlichen Ruin getrieben wurden. Das ist aber infrage zu stellen, schließlich hat man Verträge und Versicherungen zum Thema abgeschlossen. Sollte das Geschäft in den USA ohne Asbestklagen nicht so schlecht gelaufen sein, könnte ein Rückzug nun vorschnell sein.

Klar ist: Auch die krisengeschüttelte Stahlkonjunktur hat RHI in den USA unter Druck gesetzt. Jetzt fällt dem Weltmarktführer ein Umsatz von 40 Prozent weg. Klar muss dem Management nun werden, ob es auf das US-Geschäft verzichten kann. (Esther Mitterstieler, Der Standard, Printausgabe, 18.01.02)

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