von Clarissa Stadler
Essen gehen...

17. Jänner 2002, 22:01
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A, B, C, D und ich wollen essen gehen. "Unkompliziert", wünscht sich A. Locker, verlangt B,..

..."gemütlich", fordert C, und D sagt gar nichts. Der Vorschlag: Man trifft sich Sonntagmittag beim Chinesen. A, B und C. sind d'accord. D nicht: "Ohne mich! Bevor ich zu einem zweitklassigen Chinesen gehe, will ich lieber vegetarisch essen."

Der fleischlose Vorschlag trifft A, B, C und mich per Mail und hart. A sagt: "Vegetarisch essen gehen nur Frauen oder Männer, die Frauen imponieren wollen, freiwillig geht da doch keiner hin.". B: "Super, die ganze Woche Kantinenfraß und am Wochenende zur Belohnung Tofu, na Mahlzeit!" C sagt nichts, schickt aber D im Geiste einen bösen Fluch. Ich halte nichts von bösen Flüchen im Geiste und schicke D ein Mail: "Lieber D, schön, dass wir uns zum Essen treffen. Ich höre, du hegst eine leise Intoleranz gegenüber chinesischer Küche und hast uns alle zum Gemüse-Lunch vergattert? Macht doch nichts! Wenn du erlaubst, werden A, B, C und ich vorher ein Schnitzel essen gehen und dann zu dir stoßen und dir dabei zusehen, wie du deine Körner filetierst. Also dann - bis Sonntag!"

D antwortet postwendend: "Liebe E, bin untröstlich, möchte der Gruppe nicht im Weg stehen, bin für jede Küche dieser Welt und jedes Lokal dieser Stadt total offen. Wohin immer ihr geht - ich folge euch! Bis bald! D (PS: Schnitzel? Wo?)" Ich leite Ds Mail sofort an C weiter. C ist entrüstet: "Das ist perfid! Erst diktieren, dann manipulieren! Was tun wir jetzt?" Eine weitere Umfragerunde ergibt: A ist es mittlerweile egal, Hauptsache unkompliziert. B nützt die neue Offenheit und offenbart jetzt: "Ich hab's sonntags gerne bürgerlich."

Sonntagmittag sitzen A, B, C, D und ich im vegetarischen Restaurant. Demokratie schmeckt seltsam.

derStandard/rondo/18/1/02

Von
Clarissa Stadler

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