Soziale statt neoliberale Globalisierung nötig

17. Jänner 2002, 12:30
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Jesuitenpater Scannone fordert weltweite "soziale Marktwirtschaft" - Neoliberale Rezepte von IWF und Weltbank falscher Weg

Buenos Aires - Die Argentinien-Krise zeigt nach den Worten des Jesuitenpaters Juan Carlos Scannone die Notwendigkeit einer weltweiten "sozialen Marktwirtschaft". Die Globalisierung sei eine Tatsache, an der man nichts ändern könne. Aber man könne von der neoliberalen Ideologie abgehen, von der die Globalisierung derzeit geprägt sei und die sein Heimatland in die derzeitige wirtschaftliche und soziale Krise getrieben habe, sagte Scannone, Berater der argentinischen Bischofskonferenz in Fragen der katholischen Soziallehre, in einem Interview für die westösterreichischen Kirchenzeitungen.

Die gegenwärtige Krise sei keineswegs nur ein argentinisches Problem, betonte der Pater laut einem Bericht von Kathpress. Argentinien habe die Rezepte des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank wie ein Musterschüler befolgt: privatisieren und liberalisieren. Die Auswirkungen dieser Rezepte seien nun offensichtlich, betonte der Jesuit. Solange man das Familiensilber habe verkaufen können, sei die Sache gut gegangen. Sozial sei es jedoch von Anfang an schief gelaufen, weil viele aus dem Mittelstand in die Armut zurückfielen und ein Heer von Arbeitslosen entstand.

USA legt sich quer

Dringend notwendig seien Regeln für den internationalen Finanzmarkt. Die USA legten sich seit Jahren dagegen quer. Darüber hinaus sei für die USA gegenwärtig der Krieg gegen den Terrorismus vorrangiges Ziel. "Da hat niemand Interesse für Südamerika oder gar Argentinien. Dabei wäre es der beste Krieg gegen den Terrorismus, in dieser Welt die Gerechtigkeit aufzubauen", so Scannone.

Ein Drittel der 36,5 Millionen Argentinier lebe in Armut und täglich werden es um 2.000 mehr. Laut Scannone zählten noch vor 30 Jahren rund 40 Prozent der argentinischen Bevölkerung zum Mittelstand, der Abstand zwischen Reichen und Armen sei nicht so groß gewesen. Noch vor 15 Jahren sei es den Armen besser ergangen, "sie konnten hoffen, einmal herauszukommen". Aber nach mehr als zehn Jahren einer Politik, "die mehr an Finanzen gedacht hat als an die Produktion und die Arbeit", bestehe keine Hoffnung mehr. Zu den "Neu-Armen" aus der früheren Mittelschicht zählen laut dem Jesuitenpater Universitätsabsolventen ebenso wie Lehrer oder Pensionisten.

Finanzwelt gewinnt

Zu den großen Gewinnern der Politik der vergangenen Jahre zählten besonders die Finanzwelt und jene internationalen Unternehmer, die in der Zeit der Privatisierungen Staatsunternehmen gekauft haben. Dass die bisherigen Gewinner nun etwas zur Sanierung des Landes beitragen, sei schwer zu bewerkstelligen, da viele von ihnen im Ausland angesiedelt sind. So sollten zum Beispiel nach dem Ende der Bindung des Peso an den Dollar von den Banken auch private Schulden in Peso umgewandelt, also abgewertet werden, fordert Scannone. Internationale Gesellschaften, etwa Telefonunternehmen, sollten nicht mehr erwarten, dass die Argentinier ihre Rechnungen in harten US-Dollars bezahlen wie bisher, und sie sollten auf Tariferhöhungen verzichten.

Auch viele lateinamerikanische Theologen machten sich Gedanken, wie solche Krisen wie in Argentinien bewältigt bzw. vermieden werden können. Scannone: "Wir sprechen von einer 'Ethik der Großzügigkeit'. Das heißt, man betrachtet nicht nur das eigene Interesse und wie daraus unmittelbar finanzieller Gewinn gezogen werden kann, sondern Solidarität und Gemeinschaft erhalten einen neuen Wert. Zum Beispiel war in Mitteleuropa die 'soziale Marktwirtschaft' ein Erfolg. Jetzt müsste man weltweit etwas Ähnliches versuchen wie eine globale soziale Marktwirtschaft". (APA)

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