Reflexe einer schmerzhaften Wirklichkeit

18. Jänner 2002, 12:30
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Zum Tod des spanischen Literatur- Nobelpreis- Trägers Camilo José Cela (1916-2002)

Seine Lesereisen ins Ausland gemahnten an Staatsbesuche. Er trug die besten Kleider und logierte in den ersten Hotels. Eitelkeit hat man Camilo José Cela nachgesagt, einen Hang zur Selbstinszenierung, Lust an der Provokation und eine gewisse ideologische Undurchschaubarkeit. Zu den Paradoxa seiner Biografie zählte, dass er einige Jahre als Zensor für dasselbe Amt des Franco-Regimes arbeitete, das seinen ersten Roman einziehen lassen hatte.

Zweifelsfrei hatte der Nobelpreisträger von 1989 aber maßgeblichen Anteil an der Wiedergeburt der spanischen Literatur nach dem Bürgerkrieg. 26 Jahre alt war der in La Coruna geborene Autor, als 1942 sein Debütroman Die Familie des Pascual Duarte in die durch intellektuelle Stagnation gekennzeichnete Phase der Einübung Spaniens in den spezifischen Faschismus des Generalissimo platzte. Der Held des Romans berichtet vor der Hinrichtung reuelos, wie es dazu kam, dass er den Geliebten seiner Frau und seiner Schwester sowie, nach seiner Freilassung, auch seine Mutter ermordet hat.

Der literarische Modeausdruck Tremendismo (ungefähr: Literatur des Grauens) war schon geprägt, die Erstauflage des Pascual Duarte so gut wie ausverkauft, als die Zensurbehörde die Verbreitung des Buches verbot. Die Gründe dafür blieben unbekannt, dürften aber weniger in der möglichen sozialkritischen Deutung des Romans (Duarte ist Bauer aus der kargen Provinz Extremadura) gelegen haben als in der moralischen Verbindung des Franco-Regimes zum Vatikan.

Der Bienenkorb ist 1951 sicherheitshalber gleich in Argentinien erschienen. Da war Cela bereits über die Grenzen Spaniens hinaus bekannt. Und beschäftigte sich längst mit einer der Grunderfahrungen der modernen Literatur: Die Komplexität des Alltags ist mit konventionellen Stilmitteln nicht mehr erfassbar. Drei Tage aus dem Madrid von 1942 schildert der Roman, an die 350 Personen treten auf und verschwinden derart, dass der Autor es für nötig hielt, sie in einem eigens beigefügten alphabetischen Figurenregister zu porträtieren.

"Diejenigen, die das Leben mit der verrückten Maske der Literatur verkleiden wollen, lügen. Mein Roman", schrieb Cela im Vorwort des Bienenkorbs, "ist nichts als ein blasser Reflex der alltäglichen, harten, innig geliebten und schmerzhaften Wirklichkeit."

Auch nach dem Bienenkorb ist er, wie Hans Ulrich Gumbrecht in seiner Darstellung der spanischen Literaturgeschichte lakonisch angemerkt hat, "seiner Freude am diskursiven Experiment und an der - kleinen - Publikumsprovokation in einer ausufernden Produktion von Erzähltexten treu geblieben". 1995 erhielt er dafür den Cervantes-Preis. Jetzt ist Camilo José Cela in einem Krankenhaus in Madrid an einem Lungen- und Herzversagen gestorben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 1. 2002)

Von
Michael Cerha

Informationen zu Camilo José Cela Die Cela Stiftung
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