Eigentümliche Geschlossenheit

16. Jänner 2002, 19:48
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Variationen über Anthony-Braxton-Stück im Porgy & Bess

Wien - Nein, von der annoncierten Uraufführung von Anthony Braxtons Composition No. 257 war nichts zu bemerken. Nicht nur, weil der Akt einer finalen Bühnenerklimmung seitens des Compositeurs unterblieb - seitdem er in den USA eine Kompositionsprofessur auf Lebenszeit innehat, lassen sich die EU-Reisen des Chicagoer Virtuosen an einer Hand abzählen.

Gewiss, zum ersten Mal erklangen ein paar Takte aus seiner Composition No. 257, doch war dies für den Konzertverlauf nicht einmal sekundär: Hildegard Kleeb (Klavier), Roland Dahinden (Posaune), Dimitrios Polisoidis (Violine, Viola) und Robert Höldrich (Live-Elektronik) nutzen die neoklassizistisch anmutenden, rhythmischen Reihen nur als Startrampe für eine Wanderung durch den Braxtonschen Kosmos, durch den man sich (getreu seiner Philosophie) mittels älterer und neuerer Piecen, zwischen denen beliebig gewechselt werden konnte, navigierte.

Lose vernetzte Texturen, die ein Ausklinken in die Improvisation ermöglichten, fügten sich da im Wechsel aus Simultanität und Sukzessivität an- und übereinander. Während die Violine Klangfelder und expressive Gesten generierte und die Posaune in burlesker Virtuosität ihren Ambitus auslotete, erging sich das Piano zuweilen in Cluster-Orgien und stülpte sich darüber eine live prozessierte elektronische Klanghülle.

Trotz der Disparatheit der Assoziationen und Stimmungen, trotz der mehr als Solistenkollektiv denn als Ensemble agierenden Musiker trug der formal offene "Komprovisations"-Set den Charakter eigentümlicher Geschlossenheit. Erfreulicherweise reicht so der "lange Atem" Anthony Braxtons noch immer über den Atlantik.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 1. 2002)

Von
Andreas Felber

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