Rituale und kleine Kniffe für ein erfolgreicheres Lernen

26. August 2003, 18:54
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Ratgeber-Autorin im Gespräch mit dem STANDARD: "Am besten lernt man mit allen Sinnen"

"Lernsocken anziehen" empfiehlt Sabine Heß, Pressesprecherin bei der Lufthansa in Deutschland. Sie hat mit zwei Pädagoginnen ein Buch geschrieben, das sich direkt an Jugendliche wendet und durchaus banale, aber wirkungsvolle Strategien für mehr Lernerfolg beschreibt. Mit ihr sprach Martina Salomon.

Standard: Warum können so viele Kinder nicht lernen?

Heß: Einige haben nicht gelernt, wie man eigentlich lernt, wie man sich selbst motivieren kann und welcher Lerntyp man ist. Das wird teilweise in den Schulen nicht vermittelt.

Standard: Manche fordern deshalb ein Unterrichtsfach "Lernen lernen". Wäre das sinnvoll?

Heß: Das wäre sicher hilfreich. Man könnte aber auch in jedem einzelnen Fach vermitteln: Wie gehe ich eigentlich an diesen Lernstoff heran. Viele Kinder verbringen viel Zeit mit Lernen, aber sie lernen nicht effektiv genug.

Standard: Was kann man beim Lernen falsch machen?

Heß: Es ist wie im Beruf: Man muss sich erreichbare Ziele setzen, strukturiert arbeiten und manchmal auch kleine Netzwerke mit Tauschgeschäften schaffen.

Standard: Sitzen nicht viele Kinder im falschen Schultyp?

Heß: Wenn man in vielen Fächern Probleme hat, muss man sich vielleicht auch konsequenterweise um einen anderen Schultyp umschauen.

Standard: Sie schlagen Rituale für ein leichteres Lernen vor.

Heß: Zuerst gehört ein gut ausgestatteter Arbeitsplatz dazu. Die Hausübungen nebenbei am Küchentisch zu machen ist der falsche Weg. Wichtig ist auch, auf Ruhe zu achten.

Standard: Musik und Handys abschalten?

Heß: Ja, man muss eine Lernatmosphäre schaffen. Auch Pausen sind wichtig: also sich nicht gleich nach der Schule hinsetzen. Gut ist, die Aufgaben vorher anzuschauen und mit den leichteren zu beginnen. Der eigene Biorhythmus ist zu berücksichtigen. Man kann zum Lernen auch ruhig noch etwas trinken.

Standard: Und was ist mit den Ritualen?

Heß: Man sollte es sich gemütlich machen und zum Beispiel ein paar dicke "Lernsocken" anziehen. Referate können dem Spiegel oder dem Teddy erzählt werden. Vor Schularbeiten kann man sich einen Spickzettel schreiben, den man dann aber möglichst in der Hosentasche lassen soll.

Standard: Sie schreiben, dass man nur 20 Prozent von dem behält, was man hört, aber 90 Prozent von dem, was man selbst tut. Wird der schulische Lehrstoff nicht insgesamt zu abstrakt präsentiert?

Heß: Es gibt mittlerweile eine Tendenz, nicht mehr nur stur aus dem Buch zu lernen, sondern auch Aktionstage zu veranstalten. Am besten lernt man mit allen Sinnen.

Standard: Sie propagieren für das Sprachenlernen die Lernkartei, eine Art Zettelkasten. Warum?

Heß: Meine beiden Koautorinnen haben es in ihrer eigenen beruflichen Praxis erprobt und gute Erfolge erzielt. Aber das ist eine individuelle Sache: Manche lernen vielleicht besser mit Hörkassetten.

Standard: Und was für empfehlenswerte Techniken gibt es für Mathematik?

Heß: Eine Formel, die ich überhaupt nicht verstehe, kann ich auf ein großes Plakat malen und an die Wand hängen. Man könnte sich aber auch einfach mal trauen, den Lehrer um Wiederholung zu bitten. Mein Appell an die gelangweilten Schüler ist: Jetzt springe über deinen Schatten, engagiere dich im Unterricht, die Zeit vergeht schneller, du verstehst mehr und andere Schüler sind vielleicht auch dankbar dafür, dass jemand mal eine Frage stellt. Man sollte versuchen, möglichst viel schon in der Schule zu erledigen, damit die Hausaufgaben dann nicht so schwer fallen. (DerStandard,Print-Ausgabe,17.1.2002)

Manuela Brademann, Sabine Heß, Britta Weimer:
Schluss mit schlechten Noten, Ueberreuter, 2001
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