Fiaker gegen Fiaker

16. Jänner 2002, 17:52
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"Bei uns brauch ma ka Polizei"

Wien - Fiaker sind weder die Pferde, die unter dem Städtetourismus leiden, noch die Fahrgestelle, die den Verkehr lahm legen. Fiaker sind die Menschen, die darauf sitzen. Menschen aus Fleisch und Blut - wie ein Vorfall vom Sommer 2001 drastisch beweist. Fiaker-Chef Fredl hat Fiaker-Meister Joe ein Brotmesser in die Brust gerammt. Fiaker-Stallbursche Anschi könnte es bezeugen, wenn er wollte. Noch will er nicht. Deshalb wird der Prozess vertagt.

Man muss die Junischwüle zu den erhitzten Fiaker-Gemütern, die von Haus aus wärmer als solche von Durchschnittsbürgern sind, dazurechnen. (Diese Pferdekutschen erzeugen ja praktisch keinen Fahrtwind zur Abkühlung.) "I woa haß ois wia auf eam", erinnert sich so auch Fredl. - Denn Joe habe beim Standplatz Stephansplatz Frau Renate, Fredls "die Meinige", beschimpft und unsanft von der Kutsche getrennt. "Er hat ihr das G’wand zerissen", weiß Fredl: "Bluse und BH san runter g’hängt."

Im Büro wollte er seinen Angestellten deshalb zur Rede stellen. Aber es gelang nicht. Im Gegenteil: Er muste einen "heftigen, mörderischen Schlag auf den Kopf" einstecken, "dass i auf den Schreibtisch ’kracht bin". In Notwehr habe er da zum Messer gegriffen. - Und schon steckte es.

Fiaker Joe sieht die Sache naturgemäß anders. Er habe dem Chef nur zu verstehen gegeben, dass ihm dieser nicht drohen könne. Da spürte er Stiche in der Brust und sah sein eigenes Blut. Fiaker Fredl sei aber noch nicht glücklich gewesen und habe eine Mistgabel aus dem Stall geholt. "Heast, i bliat eh scho, hast no net gnua?", fragte er ihn daraufhin. Da hatte der Chef ein Einsehen und legte die Gabel weg. Joe steht zwar auf dem Standpunkt: "Bei uns brauch ma ka Polizei." Dennoch war die Exekutive interessiert. Und für den Staatsanwalt bleibt nun eine "schwere Körperverletzung" über.

Joe, das hünenhafte Opfer, genießt unter den Fiakern keinen guten Ruf. "Jeder hat a Angst vor eam", sagt der Chef: "Er haut alle nieder." Auch der Verteidiger des Angeklagten wirkt eingeschüchtert: "Der macht Bodybuilding, er hat einen Körper wie ein Gorilla." Nur Heinz, Fiaker ins Pension, verteidigt Joe. "Streit hat er nie gesucht." (Offensichtlich immer gleich gefunden.) Aber der Zeuge schränkt ein: "Ich bin 30 Jahre Taxi g’fahren. Für mich gibt’s ka Angst."

Nun warten alle gespannt auf den Zeugenauftritt des polnischen Stallburschen. (DER STANDARD, Print, 17.1.2002)

Daniel Glattauer
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