Für eine Hand voll Wähler mehr

17. Jänner 2002, 18:48
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Die Grünen wollen Inhalte durch Inszenierungs- strategien ersetzen

Wien - Formal haben die Grünen die Rochade von Brigid Weinzinger und Madeleine Petrovic tadellos hingekriegt.

Donnerstag vor einer Woche besprochen, am Wochenende nach kräftiger Überzeugungsarbeit fixiert, am Montag präsentieret: Kaum eine Personalentscheidung der letzten Jahre ging bei den Grünen nach außen so reibungslos über die Bühne wie diese. Während der ganzen Aktion drang kein Hinweis nach draußen, was bei der notorisch auf "Transparenz" insistierenden Parteibasis nur zwei Schlüsse zulässt: Entweder sie war bis auf wenige Funktionäre nicht eingebunden, oder ihr war der Wechsel egal.

Gerade für Letzteres gibt es keine Hinweise, und das lässt wiederum einige Schlüsse auf die Absichten der Grünen zu. Mit Weinzinger und auch der Umweltsprecherin Eva Glawischnig bringen sie zwei Politikerinnen in Position, die ihr Handwerk eher im Event-Marketing der Umweltorganisationen als im langwierigen Beackern tagespolitisch fruchtbarer Felder erprobt haben. Dass mit dem ehemaligen Greenpeace-Pressesprecher Lothar Lockl ein Mann mit ähnlich erworbener Berufserfahrung die wichtigste Stelle der Öffentlichkeitsarbeit besetzt hat, verweist ebenfalls auf eine Priorität: Die Grünen wollen bei den nächsten Nationalratswahl ihr Sympathiepotenzial so gründlich wie möglich ausschöpfen, und sie werden dabei intensiv auf inszenatorische Mittel und Kampagnen à la Greenpeace oder Global 2000 setzen.

Grüne Inhalte über Bord?

Das ist natürlich nicht verboten, vor allem, wenn es zum erklärten Ziel der Regierungsbeteiligung führt. Das Risiko liegt im Scheitern einer Strategie, die grundlegende grüne Inhalte über Bord wirft: Denn so schnell, wie dann die Debatte über die Existenzberechtigung der Grünen losbricht, kann keine noch so pfiffige Crew ihr Boot an das feste Ufer der Prinzipientreue zurückrudern.

Pikant ist, dass den ersten Versuchsballon ausgerechnet Petrovic starten muss: Wie es derzeit aussieht, finden die niederösterreichischen Landtagswahlen vor der nächsten Nationalratswahl statt. Und die wird Petrovic für die Grünen schlagen, wobei ihr bei einem auf die Persönlichkeitswahl hingezimmerten Wahlrecht nicht schaden sollte, dass sie neben Grundsatzfestigkeit über einen Bekanntheitsgrad verfügt, der weit über dem Weinzingers liegt. (DerStandard,Print-Ausgabe,17.1.2002)

von Samo Kobenter
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