Der wunderbare Kärntner Zeitaufheber

16. Jänner 2002, 17:28
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"Die Vögel" am Volkstheater: Gert Jonke über seinen zweiten Startversuch

Im zweiten Anlauf erblickt Gert Jonkes Aristophanes-Umschreibung "Die Vögel" am kommenden Sonntag das Licht der Volkstheater-Bühne. Im Gespräch mit Ronald Pohl findet der in Wien lebende Dichter auf direktem Wege von der Satire zum Raum-Zeit-Kontinuum.


Wien - Gert Jonkes erster Versuch, Die Vögel des Aristophanes neu zu schreiben, zeitigte vor zwei Saisonen in Klagenfurt einen Misserfolg, dem obendrein ein Missverständnis zugrunde lag: Der Dichter Jonke hat keinen Jörg Haider vor Augen, wenn er einen populistischen Verderber und Vogellautverdreher schnurstracks in den Himmel ziehen lässt, wo die versammelten Hopfe, Häher, Schnäpper und Tschilper auf sein Geheiß ein windiges Reich errichten.

Georg Staudachers Neuinszenierung der Vögel am Wiener Volkstheater (Sonntag, 19.30 Uhr) ist vielleicht nur als Zwischenergebnis zu betrachten. Als "Uraufführung" eines prinzipiell nicht abschließbaren Schöpfungsprozesses, in dessen Rahmen Jonke die Physik neu erfindet.


STANDARD: Fangen wir mit dem Schluss an. Eigentlich besitzt Ihr Stück keinen richtigen Schluss. Der Mensch "Gebrat", der über die Vögel autoritär herrscht, schließt mit den Göttern einen Vertrag ab: Zeus dankt ab, dafür soll den alten Göttern auch weiterhin geopfert werden. Zugleich bewirtet Gebrat seine Gäste mit einem gebratenen Vogel, also einem seiner eigenen Untertanen.

Jonke: Ein ganz kurzer Schluss, weil eine antike Komödie ja auch irgendeinen Schluss braucht - da Missetaten ja nicht mehr möglich sind, wird man mit Wohltaten einander umbringen und also vernichten. Aber auch dann wird man die Wohltaten vor Gericht einklagen können.

STANDARD: Ein umgekehrtes Rechtssystem? Die Wohltaten, welche die Vögel einander erweisen, werden künftighin unter Sanktion gestellt?

Jonke: Wenn du jemanden mit Gewalt nicht umbringen kannst, dann eben mit Wohltaten! Das geht vielleicht genauso schnell. Man kann ja jemanden auch mit Liebe umbringen. Frauen haben sich oft beklagt, dass sie mit Liebe umgebracht worden sind; auch Männer von ihren Frauen mit Liebe. Ein ganz einfacher Vergleich: Meine Mutter hat, ein schlimmes Erlebnis für mich als Kind, ein Küken so irrsinnig gerne gehabt, dass sie es an sich gedrückt hat, und dann war es tot. Und dann hat sie halt geweint eine Woche.

STANDARD: Da hat das Küken aber noch Glück gehabt?

Jonke: Ich sehe solche Sachen zunächst immer ohne praktischen Bezug.

STANDARD: Die erste Uraufführung Ihrer Vögel fand in Klagenfurt statt: Stadttheaterschauspieler plusterten sich da mit gesträubten Schwanzfedern, während die politische Dimension verloren ging.

Jonke: Putzigkeit, ja. (Blättert im Manuskript.) Sehen Sie, das ist der "Vatermörder". Auch eine neue Figur.

STANDARD: Der erinnert an den Ödipus. Nur weigert sich Ihre Figur, die Konsequenzen des prophezeiten Vatermordes zu tragen, und er beginnt nunmehr alle Väter, die seine Wege kreuzen, zu erschlagen. Er fühlt sich "berechtigt, demgemäß weiterzuverfahren".

Jonke: Das können ja auch nur Verwechslungen sein, die dann wieder verwechselt worden sind. Eigentlich erfährt er nur aus Zufall, dass es der eigene Vater war, den er erschlagen hat. Im Grunde ist er der Herr Kommissar, und er sucht einen Mörder. Am Schluss findet er sich selbst. Eine Frechheit: Die Antike hat das "moira" genannt.

STANDARD: Erst die Figur der Antigone durchbricht das blinde Schicksal, indem sie ihr Recht gegen die Gebote der Gemeinschaft behauptet.

Jonke: Dabei kann die Antigone auch nur eine hysterische Nudel sein.

STANDARD: Genau. Es ist keine klare Sache, welcher Rechtsanspruch über den anderen zu stellen ist. Beide werden von den Göttern verbürgt.

Jonke: Die Götter sind ja das Lächerlichste überhaupt! Bei Aristophanes hausen die Götter gleicherweise über den Menschen und den Vögeln, aber nur, weil das für ihn am praktischsten ist. Nein, da gibt es schon oberhalb auch noch etwas, nur was das ist, weiß man nicht so genau. Das ist vielleicht das Schicksal. Die Welt haben die Götter dagegen nicht erschaffen. Die war schon irgendwie vorher da. (Blättert im Manuskript.)

STANDARD: Wenn Sie etwas Neues dazuschreiben, wie geht das vor sich? Sie bringen die noch frischen Blätter an die Bühnentüre ...

Jonke: Das macht der Dramaturg Karl Baratta. Er ist auf eine gewisse Art und Weise der Architekt von dem Ganzen. Vielleicht meint er, dass ich manchmal ausraste oder zu nervös bin, und spielt den Katalysator. Das, was ich ungefähr in meinem Kopf, in meiner Fantasie hatte, habe ich ihm alles erzählt. Zum Beispiel die Stelle über die Religion der Vögel: Ich schrieb, in welcher Gestalt der Herr Jesus wiederkommen müsse, als Kleiderschrank, als Blume.

STANDARD: Sie vermengen hier die Vielgötterei mit dem christlichen Monotheismus?

Jonke: Ich sehe das folgendermaßen: Da hat einer den Raum betreten und hat gesagt, irrtümlich, ohne zu wissen, was ein Lichtschalter ist: "Es werde Licht!“ Das war der Urknall, und der hat eine Kettenreaktion freigesetzt. Der Schöpfer schaut jetzt, dass er seine Schöpfung wieder zurückbekommt. Im Rückwärtsgang geht das wahrscheinlich nicht, weil die Zeit nicht zurückgeht. Also muss man zu einem Ende kommen, damit die Entropie fertig ist und die Zeit nicht mehr geschieht.

Es ist auch völlig gleichgültig, ob die beiden Menschen, welche den Vogelstaat "Himmelblau" begründen, sich oben oder unten aufhalten. Oben und unten gibt es manchmal gar nicht. Genauso wie die Zeit völlig nicht existent ist in dem Sinn: Wenn einer befähigt ist, alles gleichzeitig zu sehen, weil wir nur den Ausschnitt durch eine Gasse sehen - so ist das eine Wahrnehmungsangelegenheit. Wie schnell du lebst, so erlebst du. Wenn einer aber gleichzeitig langsam ist, also null, und gleichzeitig die Lichtgeschwindigkeit, dann sieht er alles gleichzeitig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 1. 2002)

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