Resistenz oder die Kreativität im Sein

17. Jänner 2002, 14:48
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Heiß tobt der Sommer. Und lang. "Meine Phantasie gegen den Rest der Welt!"

... schleudert sie mir entgegen. Ihre Schulterfreiheit mir zugewandt, jagte sie den Schmetterlingen nach. Drüben am Gartenzaun roch es nach frischer Minze.

Den Aufbruch meines Identitätsgehabes unterbrach sie mit der Suche nach dem absoluten Lustgewinn. Ich stimmte mich ein auf ein Neues. Halali! Eine retrospektive Reorganisation begann um sich zu greifen.

Im Handumdrehen spielte sie (m)eine Rolle. Oder spielte ich ihre? Ihre Grenzenlosigkeit gegen meine Begrenztheit. Ein Ausverkauf am Jahrmarkt der Pflastersteine.

Unter den Umständen vergilbte mein Textfragment. Süß sind die Trauben des nahenden Herbstes, so suß. Ihre Verlockung zieht mich an. Verheißt sie mir Gutes?

Während sie mich mit den Trauben füttert, den süßen, - sie stopft sie mir förmlich hinein - nimmt meine Begierde kein Ende. Ihre Mütze, rot und spitz, verwandelt sich in meine Dornenkrone.

"Immer mehr! Noch mehr!", höre ich mich sagen. Blau blitzen ihre Augen zwischen den Hecken, beinah verborgen. Verführerisch. Kann ich mich schützen?

Es zwingt mich ein Zwerg, ein mächtig kleiner, mir ihre Umstandskleider auf. Den Rücken in feines Karo gepackt, schwer wiegend, suche ich im Rauhreif am Horizont, während sie glühende Kohlen duch meinen Tunnel treibt.

Höchstes Stimmengewirr erklimmt meinen Gipfel. Am äußeren Ohr wogt ein innerer Kampf. Ihr unausweichlich scheinendes Spiel der Sinne verebbt auf Bocksfüßen. Sie schwört den Eid der Gefälligkeit und schaufelt Steine.

Bedächtig höre ich zu. Im Gemurmel der Triebfeder Angst entlädt sie sich kraft ihrer Energie. An einem der Blitze rase ich fahrig dahin. Ihr Quantensprung wird mir zur Quadratur.

Aufgewühlt tappe ich in derVerwirrung umher. Begreife das Mauerwerk am Labyrinth aus dem sie ihr Bollwerk schält.

Trüb ist der Tag. Grau. Am Nachthimmel geht eine Sonne auf. Glutrot.

In jener rauschenden Ballnacht - wie schön gekleidet in Roben sie war - entschwebte sie fast meinen gierigen Blicken. Schwang ihr Tanzbein, das wilde. Ein Spaziergang am Laufsteg hohler Maskerade. Noch immer warte ich, dass sie meinen Tag erhellt.

Vor mir stürzt sie sich in die Fluten. Der Wirbel, der ihre Sinne belebt, betäubt mich. Im Spiralnebel halte ich Ausschau nach ihrem gehetzten Blic. Und sehe nur Tropfen. Perlen ihrer glatten Haut.

Einen Strudel gesogen, entfacht sie wieder und wieder ein Feuer. Mitten am Wasser. sie reißt mich mit. Leiden schafft. Tanz auf dem Vulkan?

In Affengeschwindigkeit klettert sie an einem schwankenden Gerüst empor, von ihr errichtet auf Feuerzeichen. Neidisch betrachte ich sie durch mein Kaleidoskop, sie scheint zu verschwimmen. Dünnwandig geschliffen lehne ich mich an. Wann kommt mein Einwand?

Tief unten, ich weiß es, droht schon die Quelle mit dem Versiegen. Gäbe auch ich ihr zu trinken, der dürstenden. Ein Sieg über sie wäre ein Sieg über mich.

"Ein Hoch dem Seil, auf dem sie sich bewegt. Akrobat schöööön!", ruft etwas in mir und macht ihren Akt zum Surrogat meiner Träume. Mittendrin suche ich die Planken meiner Seele.

Im Schlepptau ihrer Eitelkeiten beginne ich mich aufzulösen. Der Schalk in ihren Augen kommt mir bekannt vor. Erinnert mich. An was nur?

"Lang zu, lang zu!", forderte sie mich auf, während ich über da Wie des Nachlassens brütete. Ein Rückzug nur. An jenen stillen Ort, dem die Quelle entspringt.

Im Marmorsaal der Phantasie tanzt sie den Pfeifentanz und spielt die Flöte. Ich lass mich ein. Ihr steinernen Saal wird mir zur Pyramide.

Schlussendlich - ich frage mich, wann endlich Schluss ist - ertappe ich sie dabei, wie sie im Dunkeln den letzten Quader für mich hinschiebt (oder schiebt sie ihn vor mich?).

Von vielen Geistern gehetzt, dreht sie sich nach mir um. Ich bin ihr dicht auf den Fersen. (Oder sie mir). Wo bleibt mein Raum? Ratten schaukeln im Gegenlicht und fangen zu nagen an.

Wankel-mutig baue ich Stein um Stein meine Gebilde. Keine Mumie gleicht der anderen. Gerade noch dem Grabe entstiegen, steige ich über zwingende kleine mächtige Zwerge, die das Schneewittchen vorm Leben beschützen.

Vorbei sind die Märchen. Die Fahrt mit der Grottenbahn wird mir zur Talfahrt. Ich bremse. Sie hält.

Von den Lippen las sie meine Süchte und wirbelte Staub in meine Augen. Dann legte sich eine lange Nacht über meine Tage. Unauslöschlich ihr Schrei. Ich sog ihn ein.

Könnte ich einmal mit ihr den Tag umarmen!

Wenn ich bremse, hält sie, was sie verspricht? Nur dieses eine Mal? Ein Gesetz der Mäßigkeit liegt phasenweise in ihrem Zyklus.

Ich sonne mich in ihrem Wirbel. Irgendwann aber wirft auch sie Schatten. Dann schreibe ich Lichter in ihre Schatten, spanne einen Spagat um ihre Wahrheit und bin nur einen Faltenwurf von ihr entfernt.

Vor mir liegt sie breit auf meinem Diwan der Erschöpfung. Sucht ihr(e) Sehnen mit klammheimlichen Fingern. Sie, die mich immer schon kannte, sprach mir von Unkenntnis. War das meine Nahrung?

Die Masken sind gefallen. Gleich (ge)wichtig erlange ich Kenntnis von ihrem Sein. Und sie von meinem. In meinem Weidekorb bietet sie Mimosen feil.

Ihre Lippen abgerungen, dem Anderswo entstiegen, benetzt ein Regenbogen die Quelle im Tal der Tränen. Im Zauber des Morgens taucht sie die Sohle ein. Heute stehe ich am Eingang und ventiliere.

Der Sonnenuntergang hat seinen Schrecken verloren. Hin und wieder holt er mich noch ein. Dann begrüße ich ihn. Aufrichtig.

Ich sammle Krumen, die sie streut. Von Wegen, die sie geht. Und retuschiere. In meiner Erinnerung kann ich sie lassen.

Bedächtig gebe ich Halt und lenke ein. Ihr Atem zirkuliert. In regelmäßiger Folge wiederkehrend fühle ich mich ein.

Metallisch knirschend bringe ich sie zum Stillstand. Gemeinsam schöpfen wir. Dann hält sie, was sie verspricht.

Rot sind die Segel gesetzt. Bei günstigem Wind fahren wir heim.
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