Experten: Vorsichtiger Optimismus über Wiener Krebsimpfstoff

16. Jänner 2002, 13:27
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Wien/Graz - Vorsichtiger Optimismus, was die Entwicklung einer aktiven Impfung zur Behandlung häufiger Krebserkrankungen betrifft: Das von dem Wiener Unternehmen Igeneon entwickelte Krebsvakzin IGN101 war in einer ersten Studie an Patienten in Graz hervorragend verträglich, verursachte eine Immunantwort und könnte - eventuell - einen Einfluss auf die Verbreitung von Krebszellen im Körper haben. Dies erklärten beteiligte Wissenschafter am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Das Wirkprinzip ist die aktive Impfung, die die Möglichkeiten des körpereigenen Immunsystems nützen kann. Wir haben etwas mehr als 20 Patienten mit Dickdarm-, Magen-, Bronchus-, Prostata- bzw. Brustkarzinomen behandelt. Die Verträglichkeit war hervorragend. Wir haben bei allen Patienten eine Immunreaktion bekommen. Bei 60 Prozent ist es gelungen, eine spezifische Immunantwort gegen den Tumor nachzuweisen. Es gibt deutliche Hinweise auf eine Beeinflussung des Tumorgeschehens im Sinne einer Wirkung auf Mikrometastasen", erklärte der Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Medizinischen Universitätsklinik in Graz, Univ.-Prof. Dr. Hellmuth Samonigg.

So funktioniert es

Das Prinzip des neuen - und erst in Entwicklung stehenden - Krebsimpfstoffes IGN101: Das Vakzin, das ein dem Menschen fremdes, aber dem Tumorzellen-Oberflächenmolekül EpCAM ähnliches Antigen enthält, soll durch vom Körper des Geimpften produzierte Antikörper eine spezifische Abwehrreaktion gegen die bösartigen Zellen erzeugen, die es sonst bei Patienten nicht oder in einem zu geringen Ausmaß gibt.

Dr. Hans Loibner, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Igeneon AG: "Das Immunsystem des Menschen ist an sich gut in der Lage, zwischen 'Fremd' und 'Selbst' zu unterscheiden. Jetzt gibt es aber das Problem, dass Krebszellen körpereigene Zellen sind. Sie werden oft schlecht erkannt und vom Immunsystem 'toleriert'."

Dem entsprechen die Ziele des Krebsvakzins: Bruch der Toleranz des Immunsystems des Patienten gegenüber dem Tumor, Erzeugung von Antikörpern gegen die bösartigen Zellen und darauf folgende Zerstörung von Tumorzellen durch die körpereigene Abwehr.

Studienergebnisse

Bei der nunmehr in Graz abgeschlossenen Phase I-Studie erhielten 20 Patienten das Vakzin. Sie litten an Krebserkrankungen in einem sehr fortgeschrittenen Stadium und waren bereits mit den herkömmlichen Therapien behandelt worden. In solchen Untersuchungen wird auch nicht vorrangig eine mögliche Wirksamkeit, sondern vor allem die Verträglichkeit geprüft.

Das Vakzin soll auch nie ein "Wundermittel" darstellen. Samonigg: "Wir können nur 20 bis 30 der Tumorerkrankungen in einem sehr günstigen Stadium entdecken. 60 bis 70 Prozent der Erkrankungen werden in einem fortgeschrittenen lokal begrenzten Stadium erkannt."

Genau in diesen Fällen, in denen wahrscheinlich bereits in anderen Körperregionen "schlafende" Krebszellen existieren, die später durch die Bildung von Tochtergeschwülsten (Metastasen) die Krankheit unheilbar machen, soll eine Impf-Immuntherapie in Zukunft den Ausschlag in Richtung Heilung bringen. - Die Ausbreitung der Erkrankung - auch nach einer primär erfolgreichen Operation - bzw. Rückfälle sollen verhindert oder verzögert werden.

Stichwort Lebensqualität

Doch auch bei Krebspatienten, bei denen eine Heilung nicht mehr zu erwarten ist, könnte eine Immuntherapie per Krebsvakzin eventuell eine Verbesserung erzielen. Hier soll sie die Lebenszeit - wenn möglich - verlängern und die Lebensqualität stabilisieren. Die Impfung kann wiederholt werden, in der Phase-I-Studie waren es insgesamt vier Immunisierungen, welche die Patienten erhielten.

Der Grazer Onkololge Hellmuth Samonigg und die Experten von Igeneon treiben jedenfalls die Entwicklung von IGN101 rapide voran. Der Grazer Krebsspezialist: "Wir haben mit einer Phase II-Studie begonnen, an der insgesamt 40 Patienten teilnehmen werden. Acht haben wir bereits aufgenommen. Hier werden wir IGN101 gemeinsam mit der Gabe verschiedener Chemotherapien erproben."

Die durch den Impfstoff erzeugte und gegen das Tumorzellen-Oberflächenantigen EpCAM gerichtete Immunantwort könnte für einen Einsatz bei zahlreichen bösartigen Erkrankungen sprechen: Rund 70 Prozent aller beim Menschen vorkommenden Krebstumoren weisen eine vermehrte Bildung von EpCAM an der Oberfläche ihrer Zellen auf. Dazu gehören Lungen-, Prostata-, Mamma-, Magen- und Dickdarmkarzinome.

Weitere Studien erforderlich

Erst in der Folge sollen dann groß angelegte Studien zur eigentlichen Bestimmung der Wirksamkeit an vielen Patienten erfolgen. (APA)

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