Die Förderung Hochbegabter

18. Jänner 2002, 20:13
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Sir-Karl-Popper-Schule als "Versuchslabor"

Wien - Einem "Versuchslabor" für den Umgang mit Hochbegabten steht der Direktor der 1998 eröffneten Sir-Karl-Popper-Schule, Günter Schmid, seiner Ansicht nach vor. Da nur hochbegabte Jugendliche die Anstalt in Wien besuchten, könne man unter geschützten Bedingungen erproben, welche Bedürfnisse diese Schüler hätten, so Schmid. Fehler zu machen und diese anschließend zu analysieren, gehöre zu den Hauptaufgaben seiner Schule. Die Kenntnisse, die man aus den Erfahrungen gewinne, müssten dann ins Regelschulwesen zurück fließen, in dem Hochbegabte mit "normalen" Schülern in einer Klasse sitzen.

"Wenn die Popper-Schule erfolgreich ist, muss sie sich selbst weg rationalisieren", meint Schmid. Zwar nicht in naher Zukunft, aber in zehn bis 20 Jahren müsse man überflüssig geworden sein. Hauptziel des "Experiments" bilde nicht die Heranbildung von Eliten, sondern das Erforschen und Eingehen auf die Bedürfnisse Hochbegabter. Den Begriff "Eliteschule" für seine Anstalt hört Schmid überhaupt nicht gern. Hochbegabung habe mit Elitenbildung nichts zu tun - auch wenn dies oft behauptet werde. Auch Schulnoten seien absolut kein Indikator für die Begabung. Geachtet habe man auch darauf, dass die Eltern kein Schulgeld entrichten müssten - bezahlt werden muss wie an anderen öffentlichen Schulen nur die Nachmittagsbetreuung, da die Anstalt als Ganztagsschule eingerichtet ist.

Auch Hochbegabte sind Menschen

Zu den Fehlern, die die Popper-Schule mit ihren rund 150 Schülern zunächst gemacht habe, zählt Schmid etwa das "Nichtbeachten der Realität der pubertierenden Halbwüchsigen". So habe man den Schülern anfangs unbeaufsichtigt wöchentlich fünf Stunden freie Lernzeit eingeräumt - was von den 14-Jährigen nicht sinnvoll genutzt worden sei. Mittlerweile sei diese Zeit von fünf auf eine Stunde pro Woche reduziert worden, außerdem würden die Jugendlichen jetzt beaufsichtigt. Dafür steht ihnen zusätzlich ein freier Nachmittag zur Verfügung. "Da haben wir von unserem hehren Gedanken etwas abgeschnitten", räumt Schmid ein.

Große Bedeutung misst die Popper-Schule der Eigenständigkeit der Schüler zu. So erprobe man laut Schmid derzeit ein "Contracting-System", bei dem jeder Lehrer mit seiner Klasse einen Vertrag erstellt, in dem Inhalte und Themen bzw. Arbeitsverfahren und -mittel für das kommende Schuljahr festgelegt werden. Lob gibt es dabei für die konstruktive Arbeit der Schüler. Unsinnige Vorschläge seien von den Schülern kaum gekommen, vom Lehrer nicht zu verantwortende Streichungen des Stoffs auch nicht angeregt worden. Ganz im Gegenteil: Die Schüler reklamierten in manchen Gegenständen zusätzliche Inhalte in das Programm.

Rund zwei bis drei Prozent der Kinder gelten als hochbegabt

Grundsätzlich versteht man unter Hochbegabung ein individuelles Fähigkeitspotenzial für außergewöhnliche Leistungen in einem oder in mehreren Bereichen. Nach internationalen Erkenntnissen trifft diese Fähigkeit auf rund zwei bis drei Prozent aller Kinder zu. Rund 80 Prozent dieser Hochbegabten sind nur in bestimmten Bereichen besonders befähigt, als Multitalente gelten 20 Prozent.

Als hochbegabt gelten Kinder mit bestimmten kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten. Zu den Indikatoren im kognitiven Bereich zählen etwa die Bevorzugung abstrakter und komplexer Inhalte, kreative Problemlösung und Ideen-Zusammenführung, hohes Lerntempo, Neigung zu Perfektionismus, schnelle Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis, gute Konzentration, überdurchschnittliche Intelligenz, vielseitiges Interesse sowie Neugier. Im sozialen Sektor stechen hochbegabte Kinder durch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, Neigung zu Altruismus und Idealismus, gute Kommunikationsfähigkeit, ausgeprägtes ethisches Empfinden und die Äußerung von viel Kritik hervor.

Charakteristika

Emotional zeichnen sie sich durch Sinn für Humor, Optimismus und der frühen Beschäftigung mit Grenzbereichen wie Geburt, Tod, Weltall und Gott aus. Weiters besitzen Hochbegabte viel Energie, Begeisterungsfähigkeit, die Neigung zu Nonkonformismus, unabhängiges Arbeiten, eine realistische Selbsteinschätzung sowie ausprägte Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit aus. Darüber hinaus verbergen sie etwaige Langeweile nicht.

Im Normalfall treffen natürlich nicht alle diese Punkte auf ein Kind zu. Das gehäufte Auftreten der Indikatoren gibt allerdings erste Anhaltspunkte für das Vorliegen von Hochbegabung. (APA)

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