Vorwurf Menschenversuch

15. Jänner 2002, 20:45
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Anthropologen können Verdacht gegen Kollegen nicht klären

Washington - Haben angesehene Forscher ihre Studienobjekte, Indigene in Südamerika, missbraucht, gar in den Tod getrieben? Darüber herrscht unter US-Anthropologen seit zwei Jahren offener Krieg, den auch ein gerade fertig gestellter Bericht nicht schlichten konnte.

Die Vorwürfe wurden 1999 von einem Journalisten erhoben und von einigen Anthropologen unterstützt: Demnach reisten 1967 zwei Forscher - der inzwischen verstorbene Genetiker Patrick Neel und der Anthropologe Napoleon Chagnon - zu Yanomami-Indianern in Venezuela und brachten neben Forschungsgerät zweierlei mit: einen gefährlichen Masernimpfstoff und Waffen als Tauschobjekte.

Mit dem Impfstoff habe Neel eine Epidemie ausgelöst, nach einer milderen Vorwurfsvariante: unabsichtlich. Nach einer härteren Variante wollte er damit seine Hypothese prüfen, dass bei Indigenen - anders als in verweichlichten Massengesellschaften - wirklich nur die Stärksten überleben. Und mit den Waffen habe Chagnon die Preisgabe der - den Yanomami heiligen und bei ihnen geheimen - Eigennamen erkauft und aufmunitionierte Dörfer bis zum Krieg gegeneinander gehetzt.

Die Beschuldigungen ließen die US-Anthropologengesellschaft AAA erst verstummen und dann eine Kommission einrichten. Ihr Zwischenbericht kam Ende 2001 auf die AAA-Homepage: Demnach ist der Masern-Vorwurf in beiden Varianten falsch, der der Aufrüstung teilweise richtig. Zwei Tage später wurde der Bericht offiziell von der Homepage zurückgezogen - und von Dissidenten gleich wieder daraufgestellt -, Kritiker und Verteidiger der beiden Forscher hatten protestiert, und zwei der fünf Kommissionsmitglieder auch: Sie waren vor der Publikation erst gar nicht gefragt worden.

Im Februar soll der endgültige Bericht kommen und sich auch der Gegenwart zuwenden: 1988 waren erstmals Goldgräber gewaltsam in das Gebiet der Yanomami eingedrungen. Ihnen verweigerte die Armee jeden Schutz, unter Berufung auf den "wissenschaftlichen" Befund Chagnons, die Indigenen seien extrem wild. Nun wollen die Anthropologen bei aller Uneinigkeit wenigstens die Reste retten helfen: Die Yanomami sind durch neue Erschließungen ihrer Gebiete extrem bedroht. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.01.2002)

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