Überdurchschnittlich viele Schulstunden in Österreich

26. August 2003, 18:54
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Bildungsministerium will die Unterrichtszeit dennoch nicht kürzen

Wien - Nur in Mexiko verbringen Kinder zwischen zwölf und 14 Jahren mehr Zeit in der Schulklasse als in Österreich. 3407 Stunden Unterricht gibt es hierzulande laut einer OECD-Studie in diesen drei Schuljahren (Mexiko 3500). Der Durchschnitt in den OECD-Ländern liegt bei 2781 Stunden.

Dass weniger Schulstunden nicht automatisch schlechtere Leistungen bedeuten, bewies eindrucksvoll Finnland. Dort gehen die Schüler nur 2394 Stunden in die Schule. Trotzdem waren sie die Testsieger der Pisa-Bildungsstudie des Vorjahres.

Volker Krumm, Erziehungswissenschafter von der Uni Salzburg, hat eine mögliche Erklärung: Die OECD-Studie habe nur die "nominelle Zeit" festgehalten, nicht aber jene, in welcher "der Schüler wirklich lernt". Und die dürfte in Österreich, glaubt Krumm, sehr bescheiden sein. Es werde in der Schule zu viel "herumgegammelt". Als Ursachen nennt er sowohl Lehrer als auch Schüler, die beispielsweise zu spät kommen, den Unterricht völlig meiden oder einfach unkonzentriert arbeiten. Außerdem würden Schüler im deutschsprachigen Raum ihre Tätigkeit als Halbtagsjob begreifen. Das stehe im krassen Gegensatz zu den ostasiatischen Ländern, wo die Schulleistungen dem_entsprechend Weltspitze sind. Ähnliches dürfte auch für Finnland gelten, mutmaßt Krumm.

Im Bildungsministerium hat man jedenfalls noch keine Beschwerden über die hohe Stundenbelastung österreichischer Schüler vernommen. Franz Sedlak, Leiter der Abteilung Schulpsychologie im Bildungsministerium, meint im _Standard-Gespräch: "Wenn es Probleme mit der Tageslänge gibt, dann ist dies meist ein Einteilungsproblem. Oft ist einfach auch die Freizeit völlig überlagert."

Zur Effizienz des Schulwesens kritisiert Sedlak: "Das wird immer ins Spiel gebracht. Als Erfolg gilt, wenn in kürzerer Zeit zumindest der gleiche Output erzielt wird." Er sieht andere Faktoren, die dabei oft vergessen werden: "Die Schule ist auch Ort der Begegnung, der Werteverwirklichung und Solidarität." Daher spreche einiges dafür, die Schulzeit nicht zu verkürzen. Sedlak hält auch die Frage für untersuchenswert, ob der Erwerb von sozialer Kompetenz mit der Länge der Schulzeit zusammenhängt. (DerStandard,Print-Ausgabe,16.1.2002)

von Peter Mayr

LINK
www.oecd.org

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