Bananen statt Kokain bekämpft

15. Jänner 2002, 18:19
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Der Bürgerkrieg in Kolumbien wurde inzwischen auch zu einem Kampf um Drogen

San Vicente del Caguán/Wien - "Wollen Sie die Stauden sehen?" Pater Brizio lacht, steht auf und führt aus dem Pfarrhaus hinaus in den kleinen Hof neben der Kapelle, wo es in üppigem Grün wuchert. "Das wächst hier beinahe wie Unkraut." Im heißfeuchten Klima des Autonomiegebiets der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) gedeihen Kokapflanzen verdammt gut.

"Die Zahl der Kokaplantagen dürfte sich verdoppelt haben, seit die Guerilla dieses Gebiet kontrolliert", schätzt der katholische Geistliche, der sich in San Vicente del Caguán, der Hauptstadt des Rebellengebiets, sowohl um die Seelen der Kämpfer als auch um die der zivilen Bevölkerung sorgt. Etwa 140.000 Hektar Buschland seien allein hier mit Koka bepflanzt, das von den Farc auch an Ort und Stelle zu Kokain verarbeitet werde: "Das Einzige, was hier wirklich funktioniert", konstatiert Pater Brizio. Kauften die Drogenkartelle bis vor gut zwei Jahren noch bei den Kokabauern selbst, müssten sie sich heute an die Rebellen wenden, die Preis und auch Abnahmemenge bestimmten.

Gefechte um die Plantagen

Wie viel Koka außerhalb des Autonomiegebiets angebaut werde, wisse er nicht. Doch lieferten sich linke Guerilla mit rechten Paramilitärs immer wieder blutige Gefechte um die Plantagen, würden ganze Dörfer von Kokabauern und deren Familien vertrieben oder umgebracht. Schließlich stelle der Drogenhandel neben Lösegelderpressungen die größte Einnahmequelle für die bewaffneten Gruppen dar.

Die Vereinigten Staaten, in die rund 80 Prozent des in Kolumbien erzeugten Kokains geschmuggelt werden, finanzieren seit Jahren den "Plan Colombia", eine von der kolumbianischen Regierung offiziell zur Drogenbekämpfung ins Leben gerufene Initiative. "Aber die treffen ja nicht", ärgert sich der aus Italien stammende Priester. Die Flugzeuge, die aus der Luft die Kokaplantagen vernichten sollen, spritzten ihr Gift oft genug über Mais-, Bananen- oder andere Lebensmittelplantagen und verpesteten Grundwasser und Boden. "So. Und was macht jetzt der Kartoffelbauer, dem der Staat seine Lebensgrundlage zerstört hat?"

Pater Brizio ist stinksauer, hat er derartige Schicksale doch schon zu Hunderten in San Vicente erlebt: Komme er in die Stadt, sei er arbeitslos und werde kriminell, um nicht zu verhungern. Also werde er wohl eher Kokabauer, verdiene viel mehr als mit Kartoffeln, denn die Nachfrage nach Drogen sei weltweit sehr hoch, für Gemüse aber gebe es keine Abnahmegarantie. "Oder aber", skizziert der Geistliche dem Standard die dritte Alternative, "er hat einen Hass auf die Regierung, geht zur Guerilla und schnappt sich eine Waffe." Womit sich die Spirale weiter drehe, resümiert Pater Brizio.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2002)

von Andreas Feiertag
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