Archäologen belegen einzigartigen Klimasturz vor 1.200 Jahren

15. Jänner 2002, 14:47
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Kälteeinbruch verwandelte ganz Europa in eine Eiswüste

Landshut - Geschichtsschreiber beschreiben ihn als den furchtbarsten Winter seit Menschengedenken: Vor über 1.200 Jahren verwandelte ein enormer Kälteeinbruch ganz Europa in eine Eiswüste, die sogar das Schwarze Meer zufrieren ließ. Ein unscheinbarer archäologischer Fund aus Niederbayern beweist nun: Die Schilderungen frühmittelalterlicher Chronisten über jenen Jahrtausend-Winter der Jahre 763/764 waren sicher nicht übertrieben, sondern überliefern tatsächlich den wohl kältesten Winter Europas.

Der unvorstellbare Temperatursturz hinterließ seine Spuren in den Eichenbrettern eines Holzbrunnens, den polnische Archäologen in Altdorf im Landkreis Landshut ausgegraben und untersucht hatten. Die Wissenschafter bargen eine ganze Reihe von frühmittelalterlichen Brunnen, die aus Tannen-, Eichen- und Buchenholz gefertigt worden waren. Die Brunnen wurden in Warschau fachkundig konserviert, untersucht und nun anlässlich eines Archäologen-Treffens nach Niederbayern zurückgebracht.

Beweis für den Eis-Winter

Zbigniew Kobylinski, Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften, berichtete, wie sein Team den Beweis für den einzigartigen Eis-Winter liefern konnten: Das Alter der Brunnen-Konstruktionen wurde mit Hilfe der Dendrochonologie bestimmt, der Altersbestimmung von Hölzern anhand der Jahresringe von Bäumen. Die Untersuchung erbrachte, dass die Stämme jener Eichen und Tannen, die am Ende des achten Jahrhunderts von Bajuwaren in den Wäldern bei Altdorf gefällt und zu einem Brunnenkasten verarbeitet wurden, im Jahr 764 nur um knapp 0,1 Millimeter zugenommen hatten.

Ein vergleichbarer Einbruch der jährlichen Zuwachsrate lasse sich bisher für kein anderes Jahr in der Geschichte Europas feststellen, sagte Kobylinski. Die Jahresringe spiegeln die extremen Witterungsbedingungen wider, denen die Bäume ausgesetzt waren: Recherchen in Schriftquellen aus dem achten Jahrhundert ergaben, dass ein Geschichtsschreiber aus Byzanz - dem heutigem Istanbul - notiert hatte, dass im Winter 763/764 erstmals das Schwarze Meer von einer Eisdecke überzogen gewesen sei.

Und von seinem fränkischen Zeitgenossen Einhard, dem ersten Biografen Kaiser Karls des Großen, ist die Beschreibung überliefert: Es war damals ein so strenger Winter, dass man sich keiner ähnlichen Kälte von früheren Jahren her zu erinnern wusste."

Die polnischen Wissenschafter ehrten mit der Rückgabe des Fundes den Landshuter Heimatforscher Werner Hübner, zu dessen 80. Geburtstag das Archäologen-Treffen in Altdorf am vergangenen Wochenende stattfand. Hübner ist einer der Gründungsväter der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, eines gemeinnützigen Vereins, der landesweit über 3.500 Mitglieder zählt und unter anderem die wissenschaftliche Arbeit von Nachwuchs-Archäologen fördert. (APA)

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