Michael Grosser, Mathematiker wider die Norm

14. Jänner 2002, 20:36
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Er liebt Formeln, aber er ist kein Formalist

Er liebt Formeln, aber er ist kein Formalist. Er läuft kilometerlange Strecken, aber er nimmt an keinem Marathon teil. Er ist Mathematiker, aber in seiner Wohnung findet man kein Mathematikbuch und keinen Computer, nur Gitarren, Verstärker und einen Bösendorfer aus dem Jahr 1924.

Er studierte Klavier am Konservatorium, aber hämmert darauf am liebsten Jazz und Rock. Er hatte nie das Sendungsbewusstsein zum Professor, aber er ist einer der Engagiertesten am Mathematik-Institut der Uni Wien - "kein Ordinariat, aber die Freiheit zu lehren, das war das Erstrebenswerteste, was ich an der Uni erreichen wollte". Michael Grosser, gerade 50, bestach immer schon durch herausragende Leistungen und Nonkonformismus.

Kein Wunder, dass er bei Uniprofessoren, die sein Verhalten irritierte, so viel Ärger hervorrief, dass sie seine Sub-auspiciis-Promotion hintertrieben - am Ende ohne Erfolg. Einen zwar fachlich erbärmlichen, aber von seiner Herrlichkeit überzeugten Ordinarius, der seine Vorlesungen immer ganz oben an der Anschlagtafel angekündigt wissen wollte, frotzelte Student Grosser, indem er die Zettel unerreichbar hoch an die Kehle zum Plafond klebte. Nur mithilfe devoter Studierender, die eine Leiter besorgten, konnte der Herr Professor die Peinlichkeit beseitigen.

Die Grosser prägenden Professoren hingegen waren Mathematiker ersten Ranges: Edmund Hlawka, in dessen Vorlesungen das Komplizierteste mit stupender Leichtigkeit erklärt wurde, und Johann Cigler, ein Meister der Kunst, die abstrakteste Theorie mit konkreten Rechnungen zu verbinden und damit zum Leben zu erwecken - eine Gabe, die Grosser gut entwickelte.

Sie ist ihm bei aktuellen Forschungen außerordentlich hilfreich: Seit 1995 arbeitet er mit Michael Kunzinger, Michael Oberguggenberger (drei Michaels!) und Roland Steinbauer (Physiker, daher kein Michael) am Projekt DIANA, das eine gelungene Abkürzung des Wortmonsters "DIfferenzialAlgebren und Nichtlineare Analysis" abgibt.

In einem Satz: Die vier versuchen zu verstehen, wie sprunghaftes Verhalten - gerade war es noch dunkel, plötzlich ist es hell - sich in Situationen verändert, bei denen Ursache und Wirkung in keinem direkt proportionalen Verhältnis stehen. Klingt kompliziert, noch komplizierter ist, dass die Analysen "beobachterunabhängig" gelingen. Kein Wunder: Es ist die allgemeine Relativitätstheorie, bei der DIANA Anwendungen findet. Grosser zählt - anders als die von ihm Gefrotzelten - zu den Mathematikern, die von den Studierenden heiß verehrt werden. Mag sein, weil er einst als Lehrer "in einem wilden Bubeninternat" die Kunst der Menschenführung lernte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 1. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiter Rudolf Taschner
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