Flexibilität gefragt - Von Lydia Ninz

14. Jänner 2002, 19:52
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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Manchmal trifft diese Binsenweisheit auch für allzu Frühe zu. Der Regierung ist es mit der Arbeitslosigkeit passiert: Mitten in die Euphorie des Oktober 2000 hinein verabschiedeten die rot-schwarzen Koalitionäre gleich zwei Budgets auf einmal. Dabei ging man für 2002 - gestützt auf alle Experten - von einer Arbeitslosenrate von lediglich 5,4 Prozent aus und verteilte gleich noch das Fell des nicht erlegten Bären, die zu erwartenden Überschüsse aus der Arbeitslosenversicherung wurden ins Budget umgeleitet. Anders gesagt: Die Zwangsprämien der über drei Millionen Arbeiter und Angestellten samt ihren Arbeitgebern wurden weder zur Senkung der Beiträge verwendet noch in bessere Versicherungsleistungen investiert.

Jetzt hat die Realität alle rosaroten Prognosen über den Haufen geworfen. Auf 6,6 oder 6,7 Prozent wird die Arbeitslosigkeit heuer ansteigen. Der Versicherungsfall tritt also verstärkt ein. Menschen, die möglicherweise jahrelang in diese Versicherungskasse für den Fall des Falles eingezahlt haben, verlieren ihre Jobs, sehr oft als Folge von Umstrukturierungen.

Spätestens jetzt sollte die Regierung Flexibilität an den Tag legen und sich nicht stur an Überholtem festklammern. Wäre sie das, was sie immer sein möchte, ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen, müsste sie jetzt gegensteuern und wenigstens die vorhandenen Geldreserven lockermachen für sinnvolle Qualifizierungsmaßnahmen. Es ist erschreckend, wie ungerührt die Mächtigen hinnehmen, dass immer mehr Jugendliche zwischen 19 und 25 auf der Straße stehen, ohne Job, ohne Ausbildung, ohne Zukunft.

Flexibilität ist gefragt. Von Fairness gegenüber der Gemeinschaft der Zwangsversicherten kann ohnehin keine Rede sein. (DER STANDARD, Printausgabe 15.1.2002)

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