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14. Jänner 2002, 19:10
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Wagners "Parsifal" mit Plácido Domingo an der Staatsoper

Wien - Plácido Domingo - nach wie vor ein Fall von rastloser Vielseitigkeit. An die 120 Rollen hat er im Repertoireköcher - Crossover-Ritter, Dirigent und Direktor zweier Opernhäuser (Washington und Los Angeles) nicht miteingerechnet. Notgedrungen kommt für den 61-Jährigen indes auch die Rolle als Wie-lange-noch-Tenor hinzu, bei dem jede kleine Unpässlichkeit als Meldung global die Runde macht.

Unlängst in Mailand. Da musste Domingo eine Othello-Vorstellung für 20 Minuten unterbrechen. Ein kleiner Schwächeanfall. Nicht mehr. An der Wiener Staatsoper, als Parsifal, präsentierte sich Domingo nun wieder in guter Verfassung (auch wenn er sich ansagen lassen wollte), die Zukunftsprojekte nicht als riskante Spekulation erscheinen lässt. Immerhin will er in L.A., wo George "Star Wars" Lucas ab 2003 Wagners Ring "computeranimatorisch" deuten will, drei Wagner-Rollen bewältigen.

Abseits seiner hier etwas bleiernen Präsenz verfügt Domingo nach wie vor über jenes auratische Timbre, das zusammen mit den sensibel geführten Linien zur tragenden Säule einer guten Performance wird. Im zweiten, erkenntnisbringenden Akt steigert sich Domingo auch gestalterisch. Die Rolle erlangte Kontur. Im dritten Akt fehlt es dann aber doch plötzlich an Pianokultur.

Insofern wirkten die Leistungen von Bernd Weikl (als Amfortas) und Kurt Rydl (als Gurnemanz) vergleichsweise ausgewogener. Solide Violeta Urmana (als Kundry); solide auch Wolfgang Bankl (als Klingsor). Sie alle agierten in einem meditativen, mitunter quasi vereisenden Orchesterraum, den Dirigent Peter Schneider mehr als ordentlich eingerichtet hat.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 1. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

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