"Es gibt keine Überkapazität"

14. Jänner 2002, 19:39
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Bauwirtschaft kontert Wirtschaftsminister - Diskussion über Stiftungen

Wien "Minister Bartenstein irrt, es gibt keine Überkapazitäten am Bau", kontert Horst Pöchhacker, Chef der Porr und Sprecher der Bauindustrie auf Aussagen von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

Auch der Bartenstein-Vorschlag, derzeit arbeitslose Bauarbeiter umzuschulen, hält Pöchhacker für kontraproduktiv. Die Arbeitslosigkeit am Bau sei heuer ein Problem, weil der große Baubedarf derzeit nicht umgesetzt wird. Aber spätestens wenn der Generalverkehrsplan (er wird am 25. Jänner präsentiert) in Kraft tritt und die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen beginnen, brauche man die Arbeitskräfte und womöglich sogar noch mehr. Gebe es diese dann nicht mehr, würden ausländische Baufirmen zum Zug kommen.

Kein Stahlofen

Pöchhacker wiederholte, dass die Bauwirtschaft genau jene Kapazität habe, die der jeweiligen (privaten und öffentlichen Nachfrage) entspreche. "Wir halten uns keine Bauarbeiter in der Schublade, um sie bei Bedarf einzusetzen. Die Anzahl der Mitarbeiter korrespondiert zu jeder Zeit mit der Nachfrage", so der Porr-Chef. "Wenn bei einem Stahlwerk von zehn Hochöfen mangels Nachfrage nur sechs ausgelastet sind, dann besteht dort eine echte Überkapazität. In der Bauwirtschaft gibt es aber nichts Vergleichbares", betonte Pöchhacker.

Zwiespältig fällt die Reaktion der Baugewerkschaft auf den TV-Auftritt Bartensteins aus: Ja zur Umschulung von Bauarbeitern mithilfe einer Stiftung. Statt von Überkapazitäten spricht Johann Driemer, Chef der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft lieber von Umstrukturierungen am Bau und fordert ein mittelfristiges Qualifizierungsprogramm.

Ausbau

Die ursprünglich von der Gewerkschaft vorgeschlagene und nun von Bartenstein aufgegriffene Umschulung von Bauarbeitern mithilfe einer Stiftung unterstützt Driemer voll, will sie aber ausgebaut wissen. "In den nächsten fünf Jahren sollten mindestens 12.500 Bauarbeiter in die Stiftung kommen", meint Driemer, nicht nur 2000 pro Jahr, wie von Bartenstein vorgeschlagen. Bei einer Stiftung können nur ausgewählte Arbeitnehmer mitmachen. So haben sie die Chance, länger und ein höheres Arbeitslosengeld als üblich zu erhalten und sich beruflich neu zu orientieren.

Bauarbeiter sollten nach Driemers Vorstellungen nicht nur zu Verkäufern für Baumärkte umgeschult oder mit Computerführerschein ausgestattet werden, sondern auch für einen Einsatz im Pflegebereich. "Beim Transport der Kranken sind ja kräftige Hände gefragt", sagt der Gewerkschafter zum STANDARD.

Günter Tschepl, Geschäftsführer der Bauinnung, fürchtet, dass der Branche via Stiftung die besten Mitarbeiter verloren gehen. "Wer investiert schon gerne viel Geld in die Ausbildung von Mitarbeitern, um sie dann wieder hinauszuschulen?"

Pöchhacker sieht die Stiftung als Dauerlösung für den falschen Ansatz, zumal es nicht um ein Beschäftigungsprogramm gehe. Die Bauwirtschaft brauche auch in Zukunft Maurer, Zimmerer und Bauingenieure, weil der objektive Baubedarf, vor allem in der Infrastruktur, stark steige. Am Dienstag treffen sich die Sozialpartner bei Bartenstein, um über eine Branchenstiftung zu verhandeln. (Claudia Ruff, Lydia Ninz, DER STANDARD, Printausgabe 15.1.2002)

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