Ein Jahr Bush: Von "Dubya" zum Mister President

14. Jänner 2002, 21:21
2 Postings

Eine Bilanz nach dem ersten Amtsjahr

Eine der wichtigsten Änderungen, die das Image des 43. US-Präsidenten während seines ersten Amtsjahres erfahren hat, spiegelt sich in dem Namen, mit dem er von den meisten Amerikanern bedacht wird: Im Jänner 2001 und viele Monate danach wurde er - auch um ihn von seinem Vater zu unterscheiden - zunächst als "George W." oder eher abfällig als "Dubya" bezeichnet. Schon bald nach dem 11. September begannen jedoch selbst liberale Amerikaner, ihm traditionsgemäß mit dem der Präsidentschaft gebührenden Respekt entgegenzutreten, und beinahe über Nacht wurde er von ihnen als "President Bush" tituliert.

Als Bush im Dezember 2000 nach einem zermürbenden Monat allgemeiner Unsicherheit und einem beispiellosen Wahldebakel die Präsidentschaft vom Obersten Gerichtshof quasi auf einem Silbertablett überreicht wurde, schien es zunächst, als seien Kabarettisten und Late Night Talkshow-Hosts die wahren Nutznießer der Situation: Nie zuvor hatte ihnen ein Präsident (unwissentlich) so viel Material geliefert wie Bush junior, angefangen bei den vielen Grammatikfehlern (Siehe www.bushims.com), mit denen er sie beschenkte, über eklatantes Unwissen in Innen-und Außenpolitik bis zu offensichtlichem Bildungsmangel und der Tatsache, dass er sich mit einem schützenden Kordon von Freunden seines Vaters umgab.

Aber der Republikaner Bush hatte auch den Startvorteil, dass er mit einem Kongress arbeiten konnte, der von seinen Parteifreunden dominiert wurde - bis zum Mai 2001, als der gemäßigte republikanische Senator von Vermont, Jim Jeffords, die Partei verließ und seitdem als Unabhängiger zumeist gegen seine eigene Partei stimmt. Wichtiger jedoch war, dass diese Aktion den Demokraten mit einem Schlag die Mehrheit im Senat verschaffte und damit ihren politischen Aktionsraum gewaltig ausweitete.

Trotz der Änderung des politischen Gleichgewichtes gelang es Bush jedoch, seine viel umstrittene Steuersenkung in Höhe von 1,35 Billionen Dollar über die nächsten zehn Jahre durchzuboxen. Damit gab er allerdings auch Demokraten eine weitere Waffe in die Hand, die sie im Wahljahr 2002 und bei der nächsten Präsidentschaftswahl verwenden wollen: Sie machen diese Steuersenkung für den Negativtrend der US-Wirtschaft und das, was bereits als "Bush-Rezession" bezeichnet wird, verantwortlich.

Und dann kam der 11. September - und Bush wurde plötzlich zum Leader der Nation: Trotz der manchmal deftigen Ausdrücke, die er verwendete, scharten sich die Amerikaner - wie so oft in Krisenzeiten - um ihren Präsidenten und beschenkten ihn in Umfragen mit Popularitätsrekorden.

Politische Beobachter und Kolumnisten konnten sich jedoch den oftmals verwendeten Ausdruck "Déjà-vu all over again" (Schon wieder ein Déjà-vu) nicht verkneifen: Hatte es nicht schon einmal - und zwar ziemlich genau vor zehn Jahren - einen Präsidenten George Bush gegeben, dessen Beliebtheitsskala nach dem Golfkrieg ins schier Unermessliche gestiegen war und der trotzdem die Wahlen im Jahr 1992 verlor?

In Washington wird immer wieder betont, George W. Bush habe aus den Fehlern seines Vaters gelernt. So muss man damit rechnen, dass er sehr wohl weiß, welche Wirkung seine kategorische Erklärung auf die Amerikaner hat, er würde keine Steuererhöhungen dulden.

Sein bereits zum geflügelten Wort gewordener Slogan "over my dead body" (nur über meine tote Leiche) erinnert sie an den ebenso legendären Ausspruch seines Vaters vor den Wahlen im Jahr 1988: "Keine neuen Steuern - lesen Sie meine Lippen." Womit Bush allerdings nicht rechnen konnte, war, dass die größte Firmenpleite in der Geschichte der USA, der Bankrott des Energiekonzerns Enron und die engen Verbindungen, die nicht nur er persönlich, sondern viele seiner Regierungsmitglieder und Beamte im Weißen Haus mit der Firma unterhalten hatten, ausgerechnet zum ersten Jahrestag seines Amtsantrittes einen Schatten über seine Präsidentschaft werfen würden.

Am Sonntag ist Bush übrigens nach einem Hustenanfall im Weißen Haus für kurze Zeit ohnmächtig geworden. Er verschluckte sich beim Fernsehen an einem Brezel, wie sein Leibarzt Richard Tubb mitteilte. Daraufhin habe sich der Herzschlag vorübergehend verringert, und der 55-Jährige sei vom Sofa auf den Fußboden gestürzt. Tubb betonte, die Bewusstlosigkeit habe offenbar nur wenige Sekunden gedauert. Der Präsident habe sich rasch wieder erholt. (DER STANDARD, Print vom 15.1.2002)

Wie hat George W. Bush den Sprung vom hemdsärmeligen texanischen Gouverneur zum Kriegspräsidenten, dessen Fähigkeiten von den Terroranschlägen des 11. September enorm gefordert werden, geschafft?

Von Susi Schneider aus New York

Share if you care.