"Neues Phänomen antijüdischer Akte"

14. Jänner 2002, 17:21
posten

Frankreichs Gemeinde: Angriffe häufen sich

Paris - Standard: Die Regierung Sharon nennt Frankreich das "antisemitischste Land des Westens". Teilen Sie diese Ansicht?

Cukierman: Diese Aussage ist ein wenig übertrieben. Frankreich kennt eine Tradition des "rechten" Antisemitismus (Dreyfus-Affäre, Vichy-Regime, Red.), doch der hat in jüngster Zeit nicht zugenommen. Hingegen gibt es ein neues Phänomen antijüdischer Akte in jenen Vorstädten, wo die jüdischen und muslimischen Gemeinschaften nahe zusammenleben. Entstanden ist es zum Beginn der zweiten Intifada in Nahost. Es handelt sich nicht um eine Welle brutalen Antisemitismus; physische Opfer oder Tote sind bisher nicht zu beklagen. Doch wir verlangen von der Regierung, dass sie die Täter findet, und dass die Justiz sie hart bestraft.

Standard: Laut der Regierung hat die Zahl antisemitischer Akte im Jahr 2001 im Vergleich zum Vorjahr abgenommen. Die jüdischen Verbände behaupten das Gegenteil.

Cukierman: Ja, diesbezüglich besteht eine Meinungsverschiedenheit. Gewiss sind wir keine Statistiker, aber wir sehen, dass die Spannung in den Banlieue-Quartieren massiv zugenommen hat - und wir registrieren mehr Aggressionen gegen Synagogen, jüdische Schulen und Personen.

Ein Beispiel, wie die Statistiken deformiert werden können: Am 1. Januar wurden drei Jugendliche in flagranti erwischt, als sie eine Synagoge in Créteil angriffen, und erhielten im Sofortverfahren drei Monaten bedingt (was uns nicht gerade streng dünkt). Das Urteil enthält keinerlei Angaben oder auch nur Anspielungen, dass es sich um eine antisemitische oder - jüdische Tat handelte, obwohl eine Synagoge anvisiert war! Diese Tat wird damit in keiner Statistik über den Antisemitismus erscheinen.

Standard: Könnte es in der aktuellen Lage nicht kontraproduktiv sein, wenn die jüdische Gemeinschaft Frankreichs so laut Alarm schlägt?

Cukierman: Ich höre in der Tat immer mehr Stimmen, die uns nahelegen, wir sollten uns beruhigen. Aber es liegt nicht an den Opfern, sich zu beruhigen, sondern an den Tätern. Wir haben keineswegs die Absicht zu schweigen. Es geht um die Freiheit des jüdischen Bürgers in Frankreich.

Wir wollen die uns feindlichen Akte nicht verbergen, sondern appellieren vielmehr an die Regierung und den Staatspräsidenten, die Kultus- und Bildungsfreiheit, ja die Freiheit an sich zu gewährleisten.

Standard: Ist der Crif heute immer noch für das Friedensabkommen von Oslo?

Cukierman: Natürlich. Wir waren heiße Verfechter dieses Abkommens. Bloß mussten wir feststellen, dass Arafat die großzügigen Vorschläge von Ehud Barak im Juli 2000 zurückwies. Arafats Verantwortung ist enorm. (brae)
(DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2002)

Roger Cukierman ist Präsident des Dachverbandes der jüdischen Institutionen Frankreichs (Crif).
Share if you care.