Lebensschule Supermarkt

14. Jänner 2002, 17:00
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Die alte Frau meinte es gut: "Nehmen's die, die kosten nur vier Schilling." - Die wöchentliche Kolumne im Panorama

Die alte Frau meinte es gut. Und gehört somit zu den schlimmsten Dingen, die einem im Alltag wiederfahren können. "Nehmen´S die, die kosten nur vier Schilling." So begann es. Im Supermarkt. Beim Nudelregal. Ein Blick in meinen Einkaufswagen hatte sie davon überzeugt, dass alleine durch Lebensmittelmärkte ziehende Männer Hilfe brauchen: "Alles viel zu teuer."

Ignorieren? Frauen über 80 lassen sich nicht abschütteln. Nicht, wenn sie einen adoptieren. "Nehmen´ S die Nudeln sag ich Ihnen. Die sind billiger." Das teurere Produkt landet im Regal. Stattdessen würde ich mit faden Industrienudeln nach Hause gehen. Aber wenn ich gedacht hatte, mit diesem Vier-Schilling-Opfer (alte Damen schulmeistern in Schilling) durchzukommen, hatte ich mich gründlich geirrt. "Gengan´S weg. Ned den Essig. Hesperiden geht auch - ist billiger."

Ich versuchte es. Trotzdem. Obwohl es sinnlos ist: Ich wolle aber Balsamico. Ja, von ebenjenem Hersteller. Und, ja, der ist teurer. "Nix. So ein Schmarrn." Ihre Hand auf meinen Arm. Sanft aber bestimmt: Die Flasche wandert zurück. Andere Inhaltsstoffe? Anderer Geschmack? Zusätze, Zubereitung, Verarbeitung? "Mir kennan´ S nix erzählen. Alles ein Schmäh." Und wenn ich darauf bestünde, mein Geld so auszugeben, wie ich will? "Dann wird es Zeit, dass Sie lernen, richtig hauszuhalten." Aus. Ich hatte verloren. Meine Wärterin begann, mein Wagerl einer gründlichen Inspektion zu unterziehen.

Kein Katzenfutter
Hinter mir kicherte es. B. stand da und bekam sich kaum mehr ein. Das Wagerl mit dem typischen und absolut unlogischen Wohlstandsstadtsingle-Samstagseinkauf gefüllt: Die Hälfte Trash, die andere Hälfte mit Bio-Labels bepickt. Cola-Light neben Schokopudding. Erntefrisches neben Tiefkühlpizza. Ich kenne das. Nicht nur, weil ich B. öfters an Samstagen zwischen Supermarktregalen sehe, sondern weil es viele wie B. und mich gibt: Keine Windeln. Keine Babyprodukte. Kein Kinderzeug. Keine Berge von Katzenfutter. Nicht zuviel harter Alkohol. Nettes Gesicht. Ein Lächeln. "Weißt du, wo die Biomilch ist?" Der typische Supermarktflirt eben.

B. war meine Rettung vor einem zweiten Mal Schlangestehen: Nachdem Großmutter meinen Wagen abgeräumt hat wie ein Sanierungsprofi einen mittleren österreichischen Staatsbetrieb, steht B. da und lädt um: Was die Alte aus meinem Wagen ausgeladen hat, ist in B.s Wagerl gelandet. Der Preis sei einmal Kaffeetrinken (sofort). Plus Option auf Abendessen. Dass B. der alten Frau zum Abschied zugewinkt hat, habe ich mir bestimmt nur eingebildet.

NACHLESE
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--> Den Euro lieben lernen
--> In der Hundefalle
--> Weil: Hauszusteller sind ja nicht deppert
--> Weil nicht sein kann, was nicht sein darf
--> Nochmal Augustin
--> Der Euro ist deppert
--> Sitz- und andere Kulturleiden
--> Zu viel gescheit
--> Gasmasken
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--> “Der hygienische Handschuh”
--> “Tanzverbot”
--> “Tolle Bilder”
--> Die Erbin der Torte
--> Gasometer
--> Stirb, Sofie
--> Von Svihalek träumen
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--> Nepals schlafende Hunde
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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/ Panorama
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