Nation als Kopfgeburt und Minderheitenschreck

18. Jänner 2002, 18:02
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Sigrid Pöllinger: Minderheitenprobleme und Minderheitenschutz - Das Engagement internationaler Organisationen

Man mag es aus Kärntner Sicht drehen und wenden: In Europa zwischen Atlantik und Ural leben heute 750 Millionen Menschen und 180 nationale Minderheiten. Ein Siebentel der europäischen Bevölkerung ist beim geschichtlichen Übergang vom Territorial-zum Nationalstaat durch den Raster "Ein Volk - eine Nation" gefallen.

"Nationen sind Kopfgeburten", entschied deshalb einmal Peter Glotz, früherer Bundesminister und Vordenker der deutschen SPD, ein reiner Akt politischen Machtdenkens, der sich in mystische Formeln kleidet und die schwersten Verbrechen des 20. Jahrhunderts nach sich zog. Die Wiener Politologin Sigrid Pöllinger gibt mit ihrem Buch "Minderheitenproblematik und Minderheitenschutz. Das Engagement internationaler Organisationen" eine ebenso knapp wie gut dokumentierte Einführung in dieses Thema. Das Buch ist keine historische Schilderung, es entstand aus der Vorlesungstätigkeit der Autorin in Wien, Klagenfurt und am York College in den USA und eignet sich daher als Nachschlagwerk - vom österreichischen Staatsgrundgesetz von 1867, der ältesten Regelung des Minderheitenschutzes in Österreich, bis zu den so genannten Lund-Empfehlungen der OSZE von 1999 über die wirksame Beteiligung nationaler Minderheiten am öffentlichen Leben. Pöllinger, die selbst seit 1986 Mitglied der österreichischen Delegation zunächst bei der KSZE, dann der OSZE ist, betont dabei die Rolle der 55-Staaten-Organisation. Seit dem Pariser Gipfel 1990, im Übergang des Ost-West-Konflikts zum nationalen Aufbruch in Mittelosteuropa und im Kaukasus, ist die Minderheitenfrage zu einem der beherrschenden Themen Europas geworden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Markus Bernath)

Sigrid Pöllinger
Minderheitenprobleme und Minderheitenschutz
Neuer Wissenschaftlicher Verlag,
Wien 2001
149 Seiten,
29 Euro

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