Der allwissende Hund

14. Jänner 2002, 08:49
posten

Sibylle Bergs "Hund Frau Mann" wurde im Burg-Kasino erstaufgeführt

Wien - Der Theaterabend, mit dem das ehemalige k. u. k. Offizierskasino am Schwarzenbergplatz am Samstag wiedereröffnet wurde, ist ein Erfolg. Wo einst ein Weltkrieg im Plauderton scherzend vorbereitet wurde, da wird in Sibylle Bergs einstündiger Petitesse Hund Frau Mann jetzt der Beziehungskrieg pointenreich im Zeitraffer abgespult.

Das Problem dabei ist der Hund. Obwohl er in der Regie Stephan Müllers von Hanspeter Müller besonders gut - mit nur leicht markierender Gestik - gespielt wird (Kostümsponsoring: Palmers).

Zunächst kurz zum Stück: Zwei Singles unterschiedlichen Geschlechts vereinigen sich, körper- wie wohnungsmäßig, und driften eben dadurch wieder auseinander. - Das ist, aus dem zustimmenden Gelächter eines Publikums, das sichtbar schon "Lebensabschnittspartnererfahrung" hinter sich hat, zu schließen, recht lebensnah.

Die Kolumnistin Sibylle Berg zitiert hier auch gut die Geschlechterklischees. Die Sehnsucht der Frauen - "erst wenn wir zusammenwohnen, ist das Gefühl echt!" - und die damit kollidierende Panik einiger Männer: "Zusammenwohnen ist die Totalüberwachung!"

Der Hund kommentiert das als Erzählstimme. Er macht das lakonisch-witzig, aber es ist doch ein dramaturgischer Trick (und insofern ein, kleines, Problem): geboren aus der Angst, ein Zweipersonenstück könnte ohne Dritten an Spannung verlieren. Nun wäre dieses Stück aber auch so schon tierisch genug, und Stephan Müller hätte die einzig wacklige Szene einsparen können: Da muss Hanspeter Müller aus einer Glasschüssel Milch schlecken und dann gleich auch noch die junge Frau (Sabine Haupt). Das war ein Einfall zu viel - an einem Abend, der mit vielen und vielen guten Einfällen randvoll war:

In schöne Musik hinein sagt da Edmund Telgenkämper, als "Mann" noch in seiner Single-Phase, er sei nicht hübsch - wie alle eben. Und man sieht ihn und gibt ihm Recht. Da treffen sich die beiden nach köstlich inszenierten Kurztelefonaten erstmals - und haben einander eigentlich nichts zu sagen. Weshalb (jawohl: weshalb) sie zusammenziehen. Und Geschlechtsverkehr absolvieren, ratternd wie Ölbohrungen (siehe oben stehendes Foto).

Sehr viel in ihrer Nichtkommunikation läuft auch über den Videoscreen im Bühnenhintergrund ab: Nives Widauer hat sich hier viel (fast zu viel) einfallen lassen, etwa Rosen als Emblem für das Klischee von der Verliebten-Stadt Paris, wohin das Paar, Nähe suchend und endgültige Entfremdung findend, in Urlaub aufbricht.

Großer Applaus. Eine halbe Stunde später lief im Fernsehen aber bereits die passende Dokumentation: "Ein Jahr nach der Hochzeit". Da wirkten die jungen Paare noch viel trauriger, ganz ohne Witzchen. Der Single-Mann als Fernsehkonsument saß da, allein, in Freiheit, aufatmend. Richard Reichensperger - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.1.2002

Share if you care.